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Donnerstag, 28. Januar 2010

2500 Weltlenker und ein Todesfall


Genausoviel Medienlärm wie Steve Jobs neuestes Spielzeug oder diverse Londoner Antiterror- und Kriegs-Konferenzen macht derzeit nur das jährliche Mega-Bilderberg im schweizerischen Davos, jenes Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum, WEF) von tausend führenden (kapitalistischen oder staatskapitalistischen) Großkonzernen, das am Flughafen Zürich denn auch für tausend zusätzliche Flugbewegungen sorgt und zu dem sich zur Stunde rund 2500 Staatschefs, Wirtschaftskapitäne und sonstige VIPs in dem Alpen-Kurort versammelt haben, darunter auch der Große Vorsitzende und Forumschef Klaus Schwab, welcher der tief verschneiten, stacheldrahtumzäunten Versammlung gleich am Mittwoch mit einer markigen Eröffnungsbotschaft einheizte, die in den Worten gipfelte:

„Das Jahr 2010 markiert somit einen Wendepunkt in der Weltgeschichte. Zur Bewältigung unserer zukünftigen Herausforderungen müssen wir vor allem unser Wertesystem überdenken, unsere Strukturen umgestalten und unsere Institutionen umbauen.“

Realisten, Revolutionäre oder Pessimisten werden sagen: Nun, das ist doch nur wieder der übliche Change Management-Verbalklimbim putativer Masters of the Universe, irgendwie kennt man das ja schon zur Genüge. Auf was erzkapitalistische Weltlenker eben so kommen, zwischen Get-together am Stehtischchen, Keynote-speech im Konferenzsaal und Après-ski auf der Blümlisalp. Alles, was diese Herren und (sehr wenigen) Damen da oben ausmauscheln werden, ist ja bestenfalls, wie sie möglichst schnell Obamas Bankenplan ein Bein stellen, beziehungsweise, falls das nicht gelingen sollte, ihre Hedge-Fonds, Schwarzen Kassen und Glücksspiele doch wieder irgendwie mit dem Mehrwert der Lohnarbeiterklasse, unbezahlter Schwarzarbeit oder Staatsgeldern finanzieren oder absichern können.

Idealisten, Reformisten oder Optimisten könnten allerdings versucht sein, das Ganze etwas barmherziger zu beurteilen, um für den Augenblick eines Gedankenexperiments zunächst mal zu fragen: Was muß da eigentlich in den letzten ein, zwei Jahren geschehen sein (und wohin könnte das führen), wenn diese Leute nun ihre Werte, Strukturen und Institutionen – also so gut wie alles – wirklich mal überdenken wollten ? Vielleicht stünde am Ende dieses Reflexionsprozesses, durchgeführt im Weltinnenraum des Kapitals, dann ja tatsächlich Rilkes Einsicht: Du mußt dein Leben ändern ! Vielleicht allerdings auch nur wieder die Mehr-netto-vom-brutto-Philosophie Westerwelles und Sloterdijks, das heißt das ultraliberale Projekt, Steuern ab sofort – wie Schmiergelder, Ausstiegsprämien und andere gute Gaben – nur noch nach Gutdünken zu zahlen …

Dem Sicherheitschef und Türhüter der fünftägigen Mammut-Veranstaltung, dem Graubündner Polizeikommandanten Markus Reinhardt (61), wurde das alles freilich schon am Tag vor der Eröffnung des Gipfeltreffens zuviel. Man hat den Mann am Dienstag tot in seinem Davoser Hotelzimmer aufgefunden. Offiziellen Angaben zufolge war es Selbstmord. Und zwar soll Reinhardt ein spezielles persönlich-dienstliches Problem gehabt haben, kein kleines akustisches mit dem Englischen (wie Günther Oettinger), sondern ein großes psychosomatisches mit dem Alkohol. Angeblich war er vor einigen Tagen alkoholisiert in der WEF-Einsatzzentrale erschienen, seine Vorgesetzte, die Graubündner Justizrätin Steiner, hatte mit ihm am Dienstagmorgen – nicht das erste Mal - darüber sprechen wollen. Möglicherweise stand sie kurz davor, ihn des Amtes zu entheben. Dazu kam es aber nicht mehr, weil Reinhardt zwischen 6.30 und 7.45 Uhr seinem Leben mit der Dienstwaffe ein Ende setzte – ein recht makabrer Auftakt für einen Weltwirtschaftsgipfel.

Ungebrochene Gipfelfreude, Risikoappetit und jede Menge Präsenz in der Fläche zeigt hingegen weiterhin, trotz großer Probleme im Amt, im Haus und am Hindukusch, der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Er werde – neben Außenminister Westerwelle und Wirtschaftsminister Brüderle – "zu Ende der Tagung" in Davos auch mal "kurz vorbeischauen", berichtete die FAZ (27. 1. 2010, S.14). Man fragt sich, was eigentlich ein deutscher Verteidigungsminister in diesem weltkapitalistischen Schneetreiben zu suchen hat. Ein Waffendeal ? Ein Höflichkeitsbesuch bei den Buddies vom militärisch-industriellen Komplex ? Oder will der Mann einfach nur auf möglichst jeder Party dabeisein ? Na ja, jedenfalls will er mit dem Schweizer Verteidigungsminister Ueli Maurer, dessen Armee übrigens bankrott sein soll, zu einem "informellen Gespräch" zusammentreffen. Maurer hatte ursprünglich auch einen Besuch bei der Einsatzzentrale des Kommandanten Reinhardt angekündigt. Diese Visite wird nun nach Reinhardts Suizid wohl zum Kondolenzbesuch oder fällt gleich ganz in den Schnee. In diesem Fall hätten Maurer und Guttenberg dann doppelt so viel Zeit, mit oder ohne Alkohol über unser aller Lieblingsthema zu debattieren: Das Leben vor, in und nach der Krise …

Foto: Dr. Markus Reinhardt, Polizeikommandant des Kantons Graubünden, Schweiz /suedostschweiz.ch

Dienstag, 26. Januar 2010

Zum Holocaust-Gedenktag


"Der Holocaust-Gedenktag erinnert an die über sechs Millionen Juden und die vielen anderen, die Opfer des nationalsozialistischen Rassen - und Größenwahns wurden. 1996 erklärte Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum nationalen Gedenktag in Deutschland „für die Opfer des Nationalsozialismus”. Er solle als "nachdenkliche Stunde inmitten der Alltagsarbeit" begangen werden; der Deutsche Bundestag trifft sich alljährlich zu einer Feierstunde. In Großbritannien wurde im Jahr 2000 der 27. Januar zum Holocaust-Gedenktag und zugleich zum Gedenktag für alle Genozide (Völkermorde) in der Welt erklärt. Die UNO hat im Oktober 2005 den 27. Januar offiziell zum Holocaust-Gedenktag erklärt und eine Resolution angenommen, in der alle Mitgliedstaaten aufgerufen werden, an diesem Tag an den Judenmord zu erinnern. UNO-Generalsekretär Kofi Annan bezeichnete dabei den Gedenktag als "eine wichtige Mahnung an die universelle Lektion des Holocaust".

Der Holocaust-Gedenktag ist Gedenktag für die Opfer der nationalsozialistischen Mordaktionen in Europa und für die Widerstandskämpfer. Der Begriff "Holocaust" kommt aus dem griechischen "olokautev", "ein Brandopfer darbringen" und ist die englische Bezeichnung für den Massenmord in den Verbrennungsöfen der Konzentrationslager im Dritten Reich. Die jüdische Bezeichnung bedeutet "Tag der Schoah" kommt vom neuhebräischen Begriff "Shoah", der die Tötung einer großen Zahl von Menschen oder eines ganzen Volkes bezeichnet und sich insbesondere als Begriff für die Verfolgung, Gettoisierung und Vernichtung der europäischen Juden während der NS-Herrschaft in Deutschland und Europa eingebürgert hat.

Am 27. Januar 1945 erreichten sowjetische Truppen das Konzentrationslager Auschwitz und befreiten die noch Überlebenden. Fast fünf Jahre lang waren dort Menschen gefoltert, gequält, ermordet worden: Juden vor allem, Polen, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene und Häftlinge anderer Nationalität. Nach der Befreiung der Konzentrationslager gingen grauenvolle Bilder um die Welt: sie legten endgültig offen, dass in Deutschland und im besetzten Europa zwölf Jahre lang Millionen Menschen verschleppt wurden, sich in Konzentrationslagern zu Tode arbeiten mussten, zynischen medizinischen Experimenten zum Opfer fielen, fielen, an Hunger und Seuchen fielen oder massenhaft exekutiert oder mit Gas erstickt wurden.

Der Jom haShoah [Gedenktag für die Shoah] wird in Israel am 27. Nisan [im April, dieses Jahr am 11. 4., siehe zum Jüdischen Kalender] begangen, indem um 10 Uhr eine Sirene die Menschen zwei Mi­nu­ten lang zum Inne­hal­ten aufruft; in dieser Zeit ruht der Verkehr, wird nicht gearbeitet, schweigend verharren die Menschen in Israel. Dann folgt eine Kranzniederlegung in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem in Anwesenheit der Regierungs- und Staatsspitzen. Um die Mittagszeit wird eine Namensliste von Schoa-Opfern verlesen, am Nachmittag gibt es eine Zeremonie für jüdische Jugendorganisationen. Die meisten dieser Programmpunkte werden live im israelischen Fernsehen übertragen und so den Bürgern nahegebracht.

1948 erklärte das Oberrabbinat von Israel den 10. Tewet [im Dezember] zum Tag des allgemeinen Trauergebets. Als im Dezember 1949 die Asche von Juden, die im KZ Flossenbürg ermordet worden waren, nach Israel überführt wurde, entschied Rabbi S.Z. Kahana, deren Asche am 10. Tewet begraben zu lassen. Rabbi Kahanas weiterreichender Vorschlag, diesen Tag als den Tag des Gedenkens an die Schoah festzusetzen, wurde vom Oberrabbinat akzeptiert. 1951 schlug der Knesset-Abgeordnete Rabbi Mordechai Nurock vor, einen eigenen Tag für das Gedenken des Holocaust zu schaffen; die Einmaligkeit der Schoa begründe einen eigenen Gedenktag. Der Tag sollte zuerst "Jom haShoah Umered Hagetaot", Holocaust- und Ghettoaufstands-Tag heißen, schließlich einigte man sich auf "Jom haShoah Wehagwurah", "Holocaust- und Heldentums-Tag". Das Finden eines Datums gestaltete sich schwierig. Die überlebenden Kämpfer des Warschauer Gettos wollten den 19. April, der Tag, an dem der Aufstand begonnen hatte. Aber dieses Datum fiel im jüdischen Kalender auf unmögliche Tage, etwa Pessach. Also versuchte man, einen anderen Platz im jüdischen Kalender zu finden und fand ihn zwischen dem Ende von Pessach und dem erst 1949 eingeführten Jom Haatzmaut und setzte den 27. Nisan als Gedenktag fest. Im Jahr 1959 wurde der Jom haShoah, weil er zuvor zu wenig Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf sich zog, in Israel zum Gesetz erhoben."

Aus: Ökumenisches Heiligenlexikon (siehe auch Wikipedia zum Gedenktag in Deutschland und Israel)



Links zu Veranstaltungen am oder um den 27. Januar 2010:

Frankfurt a. M. (diverse Veranstaltungen) - Kundgebung der Roma-Union (am 27. 1. um 18.30 h)

Offenbach a. M. (am 31. 1.)

Zossen

Rostock



Links zu aktuellen Presse- oder Medienartikeln:

Kurt Pätzold über die "Herausforderung 'Auschwitz'" (junge Welt)

Ingrid Heinisch über die Todesmärsche kurz vor Befreiung des Lagers (Neues Deutschland)

Aleida Assmann in der "FR" und Heiner Lichtenstein im "Vorwärts" über den 27. Januar als Gedenktag

Inge Günther über Pesach Anderman (FR)

Die Jenischen als Opfer des NS-Rassenwahns (Rezension im "Vorwärts")

Kurt Krohn über die Gedenkstätte des KZ Auschwitz (FR)

Kai Diekmann über die Baupläne des „Kriegsgefangenenlagers Auschwitz“ bzw. des KZ Auschwitz („Bild“-Zeitung)

Henryk M. Broder über Wolfgang Benz’ „Handbuch des Antisemitismus“ (Der Spiegel)

Die Antisemitismus/Islamophobie-Debatte zwischen Broder und Benz kommentieren Mathias Brodkorb (auf "Endstation Rechts") und Martin Lichtmesz (auf "Sezession im Netz")

Eine Diskussion über Rassismus anläßlich des Films „Zivilcourage“ (ARD, 27. 1. 2010, 20.15 h) bei Indymedia

Oliver Müller über den Charlie Chaplin-Film „Der große Diktator“ (Muslim Forum / II-moral.org )

Deutsch-polnische Versöhnungs- und Gedenkpolitik (Deutsches Polen Institut Darmstadt)

Holocaust Memorial Page der United Nations

Mittwoch, 20. Januar 2010

Kristina ist eine ganz Scharfe


Das flotte CDU-Mädel, Ende November überraschend auf einen Berliner Chefsessel im Kabinett Merkel II promoviert, hatte da im Glück zunächst wohl ein bißchen Unglück: Da ihre ministeriale Aufwärmphase in die kalte Jahreszeit fiel, brauchte die Wiesbadenerin erstmal eine gewisse Akklimatisierungs-Periode, um in den neuen vier Wänden so richtig heimisch zu werden. Zuerst, so stand zu lesen, fremdelte sie etwas im neuen Amt bzw. hatte ein paar Schmetterlinge im Bauch, dann mußte sie dem investigativ beschwingten Journalisten-Schwarm erklären, weshalb ihre Doktorarbeit gewissermaßen als horizontales oder vertikales teamwork à quatre mains zu verstehen sei, und schließlich wurde bekannt, daß Vorgängerin von der Leyen nicht nur zwei bewährte Ministerialbeamtinnen, eigentlich fest eingeplant als Stütze für Kristinas Gesellschaft, sondern auch noch inhaltliche Portfolio-Perlen in ihr neues Ressort (Arbeitsministerium) mitgenommen hatte. Jeder Versuch, an Frau Ursulas siebenfaches Mutterverdienstkreuz heranzukommen, wäre für die 32-jährige Jungpolitikerin ja ohnehin nur ein verflixt langfristig realisierbares Unterfangen, zumal das romantische Vorspiel zu diesem Projekt auch noch nicht in trockenen Tüchern ist. Das steht erst für Februar an, da will die frischgebackene Familienministerin mit ihrem Parteifreund Ole Schröder, einer Stütze in Innenminister de Maizières Gesellschaft, politisch korrekt in den Hafen der Ehe einlaufen …

Man fing also fast schon an, Mitleid mit der unter doppeltem Erfolgsdruck stehenden Pferdeschwanz- und Hoffnungsträgerin zu haben, als am letzten Wochenende, gerade noch rechtzeitig, ein berüchtigtes Hamburger Nachrichtenmagazin mit einer politischen People- und Office-Story intervenierte, um dem Wiesbadener Wildfang jetzt mal ein bißchen Feuer unter dem Popo zu machen (Der Spiegel, Nr. 3, 18. Januar 2010, Seite 28-29). Und als sich dann noch eine von Friede Springers Edelfedern einmischte, wurde daraus endlich ein Projekt, mit der Frau Köhler jetzt rechtspopolistisch vielleicht mal ein bißchen punkten kann. Geplant ist demnach die politische Landschaftspflege links bzw. rechts von der Mitte – je nachdem, wie man das sieht. "Im Jugendministerium", so jubilierte die FAZ jedenfalls in ihrer Mittwochsausgabe (Seite 4), "werden künftig auch Fördermittel für den Kampf gegen den Linksextremismus bereitgestellt." Und die Islamismus-Front soll auch nicht ganz leer ausgehen. Die neue Jugendministerin beginne damit eine "behutsame Korrektur der kriminalstatistisch ungerechtfertigten Förderpolitik" ihres Hauses, so erklärte uns das Blatt. Bisher war der ministeriale Geldsegen nämlich fast auschließlich über gutgemeinten Projekten gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus niedergegangen …

Wer genau die fesche Kristina da zum Jagen in diesen neuen Feuchtgebieten des linken (und islamistischen) Extremismus-Sumpfes getragen hat, läßt sich ex post freilich nur noch ungefähr rekonstruieren. Die Diplom-Soziologin und promovierte Politologin hatte wohl beim Kassensturz im Ministerium überraschend noch jede Menge "Restmittel" aus dem Haushaltsjahr 2009 entdeckt – in den ersten Wochen ihrer Amtszeit waren dem "Spiegel" zufolge ja ohnehin fast ausschließlich Mobilfunk-Kosten angefallen. (Ganz zu Anfang, verriet sie dem Magazin, sei sie nämlich vollkommen allein gewesen in ihrem neuen Amt: "Nur mein Handy und ich"). Ein gewisses Schärflein zur glücklichen Wendung der Dinge hat aber vielleicht auch die turbulente Mely Kiyak beigetragen, die zuverlässig freche Frankfurter-Rundschau-Kolumnistin, die Anfang Januar zu einer schlüpfrigen Bildungsreise in die Mannheimer Kunsthalle aufgebrochen und von dieser "sentimental journey" zurückgekommen war mit einem frei assoziierenden, ziemlich angeschwipsten Stück, das sich als spontane Epistel an die "liebe Kristina Köhler" entpuppte, welche darin zwar nur kurz, gerade deshalb aber vielleicht um so nachhaltig erfrischender angesprochen wurde, und das klang dann so:

„Auf der Rückfahrt dachte ich, was soll's, die Welt geht unter, und von unserer Familienministerin hört man auch nichts, außer daß sie gerade dabei ist, eine Familie zu gründen, sich also für eine andere Form des Extremismus entschieden hat, statt Familienpolitik zu betreiben.“

Vielleicht war's ja das, vielleicht war es am Ende dieses anregend prickelnde Kiyak'sche Ideengewimmel, das dann, im morgendlichen Amts-Presse-Spiegel der Ministerin mundgerecht dargebracht, bei jener den fatalen Knoten der "performance anxiety" glücklich und endlich platzen ließ, so daß Frau Kristina sich sagte: Also gut, Familiengründung hin, Extremismus her, die Hausherrin hier am Alexanderplatz bin jedenfalls ich, mobiltelefoniert ist auch genug, und deshalb beschließt meine Effizienz jetzt mal, zur Feier des Tages ein kleines Fäßlein namens "Kampf gegen den Linksextremismus" aufzumachen …

And here we are, nun sollte Frau Köhler natürlich auch liefern. An Ideen, wie das ministerielle Manna zu verteilen ist, dürfte zum Glück kein Mangel sein. Der Institutionen- und Projektdschungel des staatlich geförderten Antifaschismus hält hier genügend Anregungen bereit. Es entstehen nun gewiß noch mehr solcher phantasievoller Produkte wie der unlängst in Nordrhein-Westfalen kreierte Verfassungsschutz-Comic "Andi", der im poppigen Manga-Stil die politische Sozialisation des geschätzt 14-jährigen Musterdemokraten Andi erzählt: Zuerst hat der blondgelockte Musterknabe Streß mit Neonazis (Band 1), dann Ärger mit Islamisten (Band 2) und zuletzt gerät er in einer linksmilitanten Jugendclique beinahe auf Abwege (Band 3). Vor allem dieser dritte Band wurde in der linksautonomen Szene zunächst hauptsächlich mit fast anerkennendem, ironischen Schmunzeln quittiert (einen derartig artistischen Aufschwung hätte man den grauen VS-Schlapphüten nämlich a priori nun wirklich nicht zugetraut) und er hat dann eine Reihe von kreativen Persiflagen inspiriert, bei der die Sprechblasen der Manga-Figuren einfach durch neue Botschaften ersetzt wurden (vgl. etwa ein laufender "Verfassungsschutz-Andi Remix Wettbewerb"). Die Linksautonomen jedenfalls fanden sich hier zumindest visuell nicht übel getroffen – bis hin zum gut beobachteten Detail, daß auch in der autonomen Szene (wie im politisch-medialen Berlin oder im Fantasy-Roman) inzwischen vor allem starke Anführerinnen das Sagen haben. Machen wir uns nichts vor: Die Lara Crofts, Vampyr-Ladies und Riot-Girls regieren heutzutage im Grunde immer mehr die Welt. Kürzlich eröffnete in den hiesigen Breiten zum Beispiel eine "Frauen-Antifa-Bar" und tauschte sich erst einmal über die charmante Frage aus: "Frauen in der Antifa – mehr als Lippenstift und Lederhandschuh?". Hier könnte nun Frau Köhler ihren Charme spielen lassen und den im Ministerium überraschend aufgetauchten Reptilienfonds gewinnbringend investieren. Etwa in einem Aufstiegsprogramm für junge Autonome-Antifa-Damen unter dem Motto "Mehr Lippenstift, aber weniger Lederhandschuh!" Denn letzterer fällt ja wahrscheinlich unters Vermummungsverbot …

Foto: Kristina Köhler im Bundestagswahlkampf 2009 in Wiesbaden / Sat.1 Regionalmagazin für Rheinland-Pfalz und Hessen

Freitag, 8. Januar 2010

Angels don't leave, but demons do



Kurz, knapp und exklusiv, was diese Woche in der Welt geschehen und für den Rest des Jahres zu erwarten ist:


Die kleinen Drahtigen tauen schnell auf

(Hannover, Niedersachsen, Deutschland) Lady Margot, eine verdammt fitte Frau im besten Alter, hatte eine ziemlich ausgefüllte Woche. Am Dienstag machte sie Gehirnmuskel-Training bei ihrem Personal-Trainer, dem Prof. Dr. Nonnenmacher, die restliche Zeit war Kung Fu mit Tochter Esther (19) angesagt. Denn schon an diesem Montag soll es ernst werden, da geht Madame in den erotischen Nahkampf mit dem jungen Guttenberg. Nicht ganz unbewaffnet natürlich. Welche Bataillone und Batterien Frau Margot da genau in die Schlacht führen wird, soll hier noch nicht verraten werden. Es ist jedenfalls Ehrensache, daß der Jungspund am Ende flachliegt.


Die wilden Rassigen … schnauf, schnauf !

(Frankfurt am Main, Hessen, Deutschland) Erst recht ist Lady Erika eine fitte Frau im allerbesten Alter. Sie hat's eigentlich nicht nötig, die Jeanne d'Arc zu spielen, aber trotzdem ging sie am Montag mit ihrer Mannschaft mal wieder auf verwegene Jagd in den tiefverschneiten Sachsenhäuser Wald. Es waren dort verschärfte Dressurritte und andere diabolische Übungen zu absolvieren. Na ja, es kam, wie es kommen mußte: Kronprinz Reinhard machte schon nach zwei Kilometern schlapp, und Fürstbischof Berthold kriegte dann bei der anschließenden Hasenjagd auf freiem Feld urplötzlich das Muffensausen. Jetzt wird die stramme Freifrau ihre Wehrsportgruppe wohl erstmal mit streng geheimen Strafexerzitien wieder auf Vordermann bringen müssen. Mal sehen, wer dann die elegantesten Kniebeugen macht.


Danke, Doktor !

(Huntsville, Texas, USA) Die Vereinigten Staaten haben den 75. Geburtstag ihres vielleicht größten International-Heiligen, des Jailhouse-Rockers Elvis Aaron Presley, dieses Jahr sehr stilgerecht begangen. Am Vortag, es war der Donnerstag, wurden zu diesem Anlaß in drei Bundesstaaten die ersten Hinrichtungen des noch taufrischen Jahres vollzogen. Das erste Menschenopfer war der 37-jährige Abdullah Sharif Kaazim Mahdi (geborener Vernon Smith), ein konvertierter Muslim. Er starb im Gefängnis von Lucasville in Ohio. Nur Stunden später wurden dann zwei weitere Frischlinge dargebracht: in Huntsville (Texas) starb der 51-jährige Kenneth Mosley, in Angola (Louisiana) der 47 Jahre alte Gerald Bordelon. Als liturgisches Altargerät kam, wie es bei solchen Zeremonien seit langem schon guter Brauch ist, die Giftspritze zum Einsatz. Wenn die Grande Nation in diesem Tempo weiter macht, dann werden 2010 wohl dreimal mehr Opferlämmer benötigt werden als im Vorjahr. 2009 starben insgesamt 52 auf des seltsamen Doktors Gabentisch. Aber das ist in God's own country kein Problem, die halbe Population steckt dort im Knast, die Pipeline ist also lang und prall gefüllt !


"Amoklauf" bei ABB

(St. Louis, Missouri, USA) Ebenfalls am Donnerstag erschoß laut Medienberichten auf einem Fabrikgelände des schweizerischen ABB-Konzerns in den USA ein ehemaliger Mitarbeiter mit einem Sturmgewehr drei Menschen. Nach einer stundenlangen Suche auf dem weiträumigen Gelände des ABB-Transformatoren-Werks in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri fand die Polizei dann den Schützen angeblich tot auf. Wer's glaubt wird heilig ! Der Mann soll laut Berichten jedenfalls einer von vier Klägern gewesen sein, die ABB mit einer Sammelklage im Zusammenhang mit Pensionsfragen am Wickel haben. Der "Hessische Rundfunk" und die "Frankfurter Rundschau" unterließen bei ihrer ersten Meldung der Story bedauerlicherweise den Hinweis, daß ABB ein höchst dubioser helvetischer Energie- und Automationstechnik-Konzern ist und schon seit Jahren jede Menge Dreck am Stecken hat. Oder das Ganze hat einen Hintersinn ...


Die Enkel fechten’s besser aus

(Rosarno, Kalabrien, Italien) Im südlichen Bella Italia geht es dafür seit Donnerstagabend rund: Nachdem dort in Rosarna aus einem fahrenden Auto auf afrikanische Wander- und Erntearbeiter geschossen wurde, die auf dem Nachhauseweg waren, gingen die Afrikaner beherzt in die Gegenoffensive. Rund 200 Senegalesen, Kongolesen, Marokkaner, Ägypter und andere Landsleute zogen nachts durch die 15.000-Einwohner-Stadt, zündeten Autos an und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei, wie die Wiener Tageszeitung "Die Presse" berichtete. Mindestens 20 Menschen wurden den Angaben zufolge verletzt. Auch am Freitag gingen die Proteste weiter, und in dem Ort herrschte weiterhin der Ausnahmezustand. Viele Bewohner trauten sich nicht mehr aus dem Haus, Geschäfte und Schulen blieben geschlossen, während Hunderte von aufgebrachten Demonstranten vor dem Rathaus ein Gespräch mit dem Präfekten verlangten. Nach Angaben der französischen Nachrichtenagentur AFP demonstrierten rund 2.000 Einwanderer mit einer Sitzblockade im Zentrum der Stadt. Hat das etwa das Zeug zu einem Spartakus-Aufstand? Na ja, es fehlt da wohl erstmal der Spartakus himself. Aber da ja auch Elvis, der "King of Rock ’n’ Roll", seit Jahren weltweit regelmäßig aus seinem Jenseits-Schlupfwinkel wieder auftaucht, ist es nicht ausgeschlossen, daß auch "der famoseste Kerl, den die ganze antike Geschichte aufzuweisen hat" (Karl Marx, MEW 30, 160), in seiner Wahlheimat mal wieder gesichtet wird. Zumal der gebürtige Thraker im Mai oder Juni des Jahres 71 v. Chr. – so ähnlich wie Petrus, Paulus oder Osama – während der Schlacht am Fluß Silarius/Silarus in Apulien spurenlos verschwunden ist. Sein Leichnam wurde nicht gefunden ('Aππιανòς 'Aλεξανδρεύς / Appianos von Alexandria. Romaiká, I, 120, 559). Apulien ist die unmittelbare Nachbar-Region von Kalabrien. Mehr über diesen interessanten Mann bei Antonio Guarino (Spartaco. Analisi di un mito, Liguori Editore, Neapel 1979; dt. bei dtv) und Michael Genner (Spartakus. Eine Gegengeschichte des Altertums nach den Legenden der Zigeuner, 2 Bde, Trikont Verlag, München 1979 /1980).

DPA-Foto: Margot Käßmann, die Landesbischöfin von Hannover und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)