Mittwoch, 24. Februar 2010

La Liberté guidant le peuple (3)


Die Heilige Jungfrau

Verglichen mit der Luft, die wir atmen


WILDE Luft, Welt-mutternde Luft,

Umheget mich überall,

Die jede Wimper, jedes Haar

Umschlingt; die eingeht unter

Wolligste, zartest-flaumige

Schneeflocke; die innigst gemischt ist,

Durchdringend, durchwaltend,

In jedes geringsten Dings Leben;

Dieses nötige, unversiegliche

Und nährende Element;

Mein Mehr-als-Speis-und-Trank,

Mein Mahl bei jedem Wink;

Diese Luft, die, auf Lebens Gebot,

Meine Lunge nun ziehen und ziehn

Muß, nur um auszuatmen ihr Lob,

Gemahnt mich in mancherlei Weise

An Sie, die nicht allein

Gottes Unendlichkeit

Verwinzigt zum Kind

Willkomm gab in Schoß und Brust,

Geburt und Milch und alles andere,

Sondern auch Mutter ist jeder neuen Gnade,

Die jetzt noch herkommt unserm Geschlecht -

Maria Unbefleckte,

Ein Weib nur, doch

Dessen Hoheit, dessen Macht

Groß ist, wie keiner Göttin je solche

Menschenwitz, Menschenwahn zuschrieb ...


Übers. Ursula Clemen & Friedhelm Kemp

***



Tableau: Max Ernst, Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Éluard und dem Maler, 1926, Öl auf Leinwand, 196 x 130 cm, Museum Ludwig, Köln, Deutschland

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