Sonntag, 31. Januar 2010

Deutschlands frechster Niedriglohn-Sozi

Was Florian Gerster unter der Woche treibt, ist bekannt. Von Montag bis Freitag ackert das SPD-Mitglied als Dienstleister am Arbeitsmarkt und als Vorkämpfer für einen möglichst schäbigen Niedriglohn, das heißt er organisiert zu diesem Zweck Streiks oder setzt Schriftsätze auf zum Wohle eines dubiosen Arbeitgeber-Vereins möglichst billiger Klitschen. Aber wie verbringt der Kerl den Rest der Zeit? Nun, für die letzten beiden Wochenenden läßt sich die Frage beantworten. Am Sonntag vor einer Woche, da saß der Profi der Nation bei der schönen Anne Will und machte sich stark für den modernen Menschenhandel (vulgo "Leiharbeit"). Und an diesem Samstag da bekam der Post-Profi dann in einer Postwurfsendung von der noch schöneren Mely Kiyak mal so richtig den Leiharbeiter-Blues geblasen. Und zwar wurde die hübsche Drucksache gleich doppelt aufgegeben (nicht nur in Frankfurt, sondern auch in Berlin), mit zweifacher geistig-moralischer Wegweisung:

"Sozialverträglich wäre es, wenn Sie auf der Stelle keine öffentlichen Auftritte mehr absolvieren würden. Und Ihr SPD-Parteibuch abgeben, Genosse Gerster !"

Gut gebrüllt, Löwin !

Eine elegante Lösung à la Clement, das wäre wirklich die nervenschonendste Lösung für alle Beteiligten, auch für den zuständigen SPD-Ortsverein bzw. Unterbezirk.

Denn nachdem Hartz IV-Gauner Gerster bei Anne Will hauptsächlich "fauligen Atem"(Stern) verbreitet hatte (Naserümpfen gab's sogar im "Handelsblatt" und in der "Welt", die über ihre Mutterkonzerne Holtzbrinck und Springer auch mit den Neuen Brief- und Zustell-Klitschen interessenmäßig verbandelt sind, Springer will die Bundesregierung im Zusammenhang mit der PIN-Insolvenz angeblich sogar verklagen), grummelt es jetzt auch an Gersters Wormser SPD-Heimatfront.

Leute wie Gerster hätten nicht nur treue Wähler und die SPD-Grundsätze, sondern die Wähler ganz allgemein "verraten und verkauft", erklärte Hans Herbert Rolvien, der örtliche Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (AfA), der "Wormser Zeitung" (Samstag-Ausgabe). Gerster sei ebenso wie Wolfgang Clement oder Ex-Kanzler Gerhard Schröder ein "Vertreter und Verteidiger der Ausbeuterfront", sagte der SPDler dem Blatt.

An Gerster werde nämlich deutlich, welche Verflechtungen es zwischen Regierung, Parteien, Politikern und der Wirtschaft gebe. "Führende Politiker und Bundestagsabgeordnete sitzen in Aufsichtsräten großer Firmen oder haben Beraterverträge, mit der Folge, daß hier eine durchaus vergleichbare Situation entstanden ist wie die verbotene Anwendung von Insiderwissen beim Aktienhandel – die informelle Korruption", so Rolvien weiter.

Auch bei dem örtlichen Ver.di-Chef und SPD-Mann Wolfgang Mayer sowie dem Wormser SPD-Chef Jens Guth haben die Redakteure des Lokalblatts in Sachen Gerster nachgehakt. "Wenn ich Florian Gerster im Fernsehen sehe, schalte ich ab", erklärte ihnen Ver.di-Boss Mayer, wollte dann freilich auch nicht alle Leiharbeitsfirmen in Bausch und Bogen verdammen. (Hintergrund ist natürlich, daß auch die DGB-Gewerkschaften sich mit diversen Tarifverträgen sowie ihrer Mindestlohn-Kampagne „Kein Lohn unter 7,50 Euro !“ bisher nicht mit Ruhm bekleckert haben, denn auch ein Mindestlohn von 7,50 Euro würde ja jenen unsäglichen, staatlich subventionierten Hungerlohn-Geschäftsmodellen à la TNT und PIN kein Ende setzen, die von vorneherein davon ausgehen, daß die Niedriglöhner mit Hartz IV etc. aufstocken, weil sich jedenfalls eine Familie damit nicht durchbringen läßt).

Noch etwas nuancierter und rücksichtsvoller äußerte sich freilich SPD-Chef und Ortsbaron Guth, der denn auch im rheinland-pfälzischen Landtag sitzt. Zwar verachte er Firmen wie Schlecker, die erst Leute rauswerfen und dann über Tochterfirmen zu wesentlich schlechteren Konditionen einstellen, das sei soziale Ausbeutung, aber um Spitzen abzufedern, sei Leiharbeit gar nicht schlecht. Und der Genosse baut dann in der Causa Gerster auch gleich schon mal vor: Man müsse es in einer großen Volkspartei respektieren, so Guth, wenn der Mann in anderer Funktion andere Positionen vertrete, denn Gerster habe sich auch große Verdienste erworben.

Ja welche denn eigentlich, außer daß Gerster als Charity Queen in eigener Sache den Wormser Jazz-Preis finanziert ? Sein kaum zweijähriges Gastspiel als "Sonnenkönig" und "Gernegroß" der damaligen Bundesanstalt für Arbeit, untermalt von dubiosen Beraterverträgen im Volumen von 38 Millionen Euro, endete jedenfalls mit einem gigantischen Desaster. Und die Sache war mit seinem Abgang noch keineswegs ausgestanden. Unter Gersters Nachfolger und Ziehsohn Frank-Jürgen Weise stellte sich dann heraus, daß die Kosten für das grandiose IT-Projekt "Virtueller Arbeitsmarkt" (ursprünglich auf 65,5 Millionen Euro veranschlagt) sich in kurzer Zeit mehr als grandios verdoppelt hatten, so daß Weise gezwungen war, die Flucht nach vorne anzutreten und die Bundesanstalt beim Bundesrechnungshof quasi selbst anzuzeigen. Der entsprechende Vertrag mit der Firma Accenture war freilich noch in der Amtszeit Gerster abgeschlossen worden. Irgendwie wurde die Affäre, die durchaus Toll-Collect-Qualitäten hatte, dann aber mit ein paar Bauernopfern nach der Methode Guttenberg im Keim erstickt (Weise ist ja Ex-Fallschirmjäger-Offizier). Man hat jedenfalls nichts mehr davon gehört. Jedem, der die damals in den Arbeitsagenturen öffentlich installierten, völlig debilen Computer-Terminals auch nur einmal benutzt hat, war freilich sofort klar, daß hier ziemlich viele Leute ziemlich enormen Bullshit fabriziert hatten. Auch das eines der Verdienste Gersters ?

Am Samstag ließ es sich Gerster übrigens nicht nehmen, in der "Stuttgarter Zeitung" seine Ansichten zur Agenda 2010 und seine Arbeit-macht frei-Philosophie noch einmal im Zusammenhang darzulegen. Dem Genossen Sarrazin von der Bundesbank werden Gersters Ausführungen das Herz gewärmt haben, aber auch Schmuddel-Roland erhielt ein freundliches Wort ("Die Grundrichtung ist okay"). Lediglich Genosse Gerd bekam zu hören, er sei zwar "ein hochbegabter Instinktpolitiker" gewesen, nur halt leider etwas zu schwach, um dem in Deutschland herrschenden "Mangel an geistiger Führung" abzuhelfen.

Bei Lichte betrachtet, das heißt beim gegenwärtigen Stand der Lohnarbeit, der SPD und der doch sehr stabil in der Köpfen verankerten Überzeugung, daß sozial sei, was irgendwie Arbeit schafft (und sei's durch Abwracken oder ähnliche Beschäftigungstherapien) , weil "Wohlstand für alle" in einer kapitalistischen Welt nun mal nicht zu haben ist, ist das wohl schon ein bißchen ungerecht gegenüber dem Genossen Gerd.

Immerhin konnte der Fachmann für Basta & Gedöns doch schon 2005, genauer gesagt am 28. Januar 2005, Albrecht Müllers Nachdenkseiten haben gerade daran erinnert, den großkapitalitischen Vampiren des World Economic Forum und dem Obervampir Vasella (dessen österreichische Almhütte letztes Jahr übrigens mal gebrannt hat; hier der Bekennerbrief) im schneebedeckten Davos stramm Vollzug melden, als er dort mit stolzgeschwellter Brust verkündete:

"Wir müssen und wir haben unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt. …. Wir haben einen funktionierenden Niedriglohnsektor aufgebaut … Es hat erhebliche Auseinandersetzungen mit starken Interessengruppen in unserer Gesellschaft gegeben. Aber wir haben diese Auseinandersetzungen durchgestanden."

Na also, mission accomplished. Einen Tusch für Monster Gerd !



Foto: Deutsche Presseagentur (dpa)

Samstag, 30. Januar 2010

Socialism without Jails – Aus einem Interview mit Howard Zinn (1922-2010)


What is your philosophy?

I believe, I suppose, in the one that could be called democratic socialism because I believe that we need a society where the motive for the economic system is not corporate profit but the motive is the welfare of people -- healthcare, jobs, childcare, and so on -- where that is dominant, where there is greater equalization of wealth; and a society which is peaceful and which devotes its resources to helping people in the country and elsewhere. And I believe in a world where war is no longer the recourse for the settling of grievances and problems. I believe in the wiping out of national boundaries. I don't believe in visas and passports and immigration quotas. I think we need to move towards a global society. They use the word globalization, but they use it in a very narrow sense to me -- the freedom of corporations to move across boundaries -- but what we need is the freedom of people and things to move across boundaries. When I talk about socialism without jails, I mean, yes, a greater societal intervention into the economy but without deprivation of civil liberties. Don't trouble the Hollywood writer. Put it very simply: yes, he said "socialism without jails."

How do you blend anarchism, socialism, and communism?

I'd like to think of taking the best elements of all of them. Communism -- if you separate communism from the Soviet Union and from those bureaucratic and totalitarian countries that call themselves Marxist and communist and just treat communism as envisioned by Marx and Engels -- ultimately a society where there would be freedom of the individual and rational use of the world's resources. That's something to take from communism. From socialism I would take what I just described, and that is the use of the government, the democratically elected government, to equalize resources and help people. I would take from anarchism the suspicion of authority, the suspicion of all governments, the readiness to criticize and rebel against any government. They may have started out in a humanitarian way but they can easily become ossified and dictatorial. Anarchism has as its goal the idea of a kind of decentralized society where individuals are free from the oppression of government and corporate power and the church. So, I think there are elements in all three that are useful.

Is that a practical way of thinking?

Well, certainly not practical in the sense of something that is immediately achievable, but I think it's very important to hold it as a goal. Philosophical but not in a utopian sense that makes it simply theoretical and unworkable. Philosophical only in the sense that it's long-term. So, although it's not an immediate possibility or probability, I think it's very important to have an idea of what a good society would be like, so you can measure what is happening today, what policies are today, against that goal.

What do you want to be remembered for?

If I want to be remembered for anything, it's for introducing a different way of thinking about the world, about war, about human rights, about equality, for getting more and more people to think that way, and also for getting more people to realize that power, which rests so far in the hands of people with wealth and guns, ultimately rests on people themselves, and they can use it, and at certain points in history they have used it: Black people in the South used it; people in the women's movement used it; people in the anti-war movement used it; people in other countries who have overthrown tyrannies have used it. What I want to be remembered as is somebody who gave people a feeling of hope and power that they didn't have before.



Howard Zinn, einer der großen alten Männer der US-Linken, starb am 27. Januar in Santa Monica. In den Sechziger Jahren in der Bürgerrechtsbewegung aktiv, war er später einer der wortmächtigsten Kritiker des Vietnam-Krieges und unterstützte Daniel Ellsberg bei der Herausgabe der berüchtigten "Pentagon Papers". Seine zahlreichen historischen Arbeiten sind – vergleichbar etwa den Arbeiten Jürgen Kuczynskis - der konsequent durchgehaltene Versuch einer "Gegengeschichte" oder "Geschichtsschreibung von unten": Geschichte wird hier nicht aus der Sicht der Herrschenden oder Sieger, sondern ganz bewußt parteiisch vom Standpunkt der einfachen Leute und Unterdrückten aus erzählt. Am bekanntesten (und in der USA über 1 Million mal verkauft) wurde sein Opus Magnum "A People's History of the United States"(1980), das inzwischen auch auf Deutsch vollständig vorliegt (bei Schwarzerfreitag, Berlin 2007).

Zahlreiche Nachrufe auf Howard Zinn sind auf seiner Website versammelt, die weitergeführt werden soll. Eine sehr schöne Hommage hat ihm Kat Kimberley gewidmet. Auf "Antiwar.com" schildert Daniel Ellsberg eine Blockade-Aktion, an der er sich 1971 zusammen mit Zinn in Boston beteiligte. Einige US-Sites ziehen auch den polarisierenden Vergleich mit zwei anderen großen, einzelgängerischen "Hommes de lettres", um die das literarische Amerika in dieser Woche trauern muß: mit Jerome D. Salinger, diesem seltsamen "Mann eines Buches", und Louis Auchincloss, dem Chronisten des US-Großbürgertums. Deutsche Würdigungen Zinns stehen in der "jungen Welt", in Spiegel Online oder in den Freitags-Printausgaben der "Süddeutschen Zeitung" (Willi Winkler) und der FAZ (Lorenz Jäger).

Foto: Howard Zinn porträtiert von Robin Holland

Donnerstag, 28. Januar 2010

2500 Weltlenker und ein Todesfall


Genausoviel Medienlärm wie Steve Jobs neuestes Spielzeug oder diverse Londoner Antiterror- und Kriegs-Konferenzen macht derzeit nur das jährliche Mega-Bilderberg im schweizerischen Davos, jenes Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum, WEF) von tausend führenden (kapitalistischen oder staatskapitalistischen) Großkonzernen, das am Flughafen Zürich denn auch für tausend zusätzliche Flugbewegungen sorgt und zu dem sich zur Stunde rund 2500 Staatschefs, Wirtschaftskapitäne und sonstige VIPs in dem Alpen-Kurort versammelt haben, darunter auch der Große Vorsitzende und Forumschef Klaus Schwab, welcher der tief verschneiten, stacheldrahtumzäunten Versammlung gleich am Mittwoch mit einer markigen Eröffnungsbotschaft einheizte, die in den Worten gipfelte:

„Das Jahr 2010 markiert somit einen Wendepunkt in der Weltgeschichte. Zur Bewältigung unserer zukünftigen Herausforderungen müssen wir vor allem unser Wertesystem überdenken, unsere Strukturen umgestalten und unsere Institutionen umbauen.“

Realisten, Revolutionäre oder Pessimisten werden sagen: Nun, das ist doch nur wieder der übliche Change Management-Verbalklimbim putativer Masters of the Universe, irgendwie kennt man das ja schon zur Genüge. Auf was erzkapitalistische Weltlenker eben so kommen, zwischen Get-together am Stehtischchen, Keynote-speech im Konferenzsaal und Après-ski auf der Blümlisalp. Alles, was diese Herren und (sehr wenigen) Damen da oben ausmauscheln werden, ist ja bestenfalls, wie sie möglichst schnell Obamas Bankenplan ein Bein stellen, beziehungsweise, falls das nicht gelingen sollte, ihre Hedge-Fonds, Schwarzen Kassen und Glücksspiele doch wieder irgendwie mit dem Mehrwert der Lohnarbeiterklasse, unbezahlter Schwarzarbeit oder Staatsgeldern finanzieren oder absichern können.

Idealisten, Reformisten oder Optimisten könnten allerdings versucht sein, das Ganze etwas barmherziger zu beurteilen, um für den Augenblick eines Gedankenexperiments zunächst mal zu fragen: Was muß da eigentlich in den letzten ein, zwei Jahren geschehen sein (und wohin könnte das führen), wenn diese Leute nun ihre Werte, Strukturen und Institutionen – also so gut wie alles – wirklich mal überdenken wollten ? Vielleicht stünde am Ende dieses Reflexionsprozesses, durchgeführt im Weltinnenraum des Kapitals, dann ja tatsächlich Rilkes Einsicht: Du mußt dein Leben ändern ! Vielleicht allerdings auch nur wieder die Mehr-netto-vom-brutto-Philosophie Westerwelles und Sloterdijks, das heißt das ultraliberale Projekt, Steuern ab sofort – wie Schmiergelder, Ausstiegsprämien und andere gute Gaben – nur noch nach Gutdünken zu zahlen …

Dem Sicherheitschef und Türhüter der fünftägigen Mammut-Veranstaltung, dem Graubündner Polizeikommandanten Markus Reinhardt (61), wurde das alles freilich schon am Tag vor der Eröffnung des Gipfeltreffens zuviel. Man hat den Mann am Dienstag tot in seinem Davoser Hotelzimmer aufgefunden. Offiziellen Angaben zufolge war es Selbstmord. Und zwar soll Reinhardt ein spezielles persönlich-dienstliches Problem gehabt haben, kein kleines akustisches mit dem Englischen (wie Günther Oettinger), sondern ein großes psychosomatisches mit dem Alkohol. Angeblich war er vor einigen Tagen alkoholisiert in der WEF-Einsatzzentrale erschienen, seine Vorgesetzte, die Graubündner Justizrätin Steiner, hatte mit ihm am Dienstagmorgen – nicht das erste Mal - darüber sprechen wollen. Möglicherweise stand sie kurz davor, ihn des Amtes zu entheben. Dazu kam es aber nicht mehr, weil Reinhardt zwischen 6.30 und 7.45 Uhr seinem Leben mit der Dienstwaffe ein Ende setzte – ein recht makabrer Auftakt für einen Weltwirtschaftsgipfel.

Ungebrochene Gipfelfreude, Risikoappetit und jede Menge Präsenz in der Fläche zeigt hingegen weiterhin, trotz großer Probleme im Amt, im Haus und am Hindukusch, der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Er werde – neben Außenminister Westerwelle und Wirtschaftsminister Brüderle – "zu Ende der Tagung" in Davos auch mal "kurz vorbeischauen", berichtete die FAZ (27. 1. 2010, S.14). Man fragt sich, was eigentlich ein deutscher Verteidigungsminister in diesem weltkapitalistischen Schneetreiben zu suchen hat. Ein Waffendeal ? Ein Höflichkeitsbesuch bei den Buddies vom militärisch-industriellen Komplex ? Oder will der Mann einfach nur auf möglichst jeder Party dabeisein ? Na ja, jedenfalls will er mit dem Schweizer Verteidigungsminister Ueli Maurer, dessen Armee übrigens bankrott sein soll, zu einem "informellen Gespräch" zusammentreffen. Maurer hatte ursprünglich auch einen Besuch bei der Einsatzzentrale des Kommandanten Reinhardt angekündigt. Diese Visite wird nun nach Reinhardts Suizid wohl zum Kondolenzbesuch oder fällt gleich ganz in den Schnee. In diesem Fall hätten Maurer und Guttenberg dann doppelt so viel Zeit, mit oder ohne Alkohol über unser aller Lieblingsthema zu debattieren: Das Leben vor, in und nach der Krise …

Foto: Dr. Markus Reinhardt, Polizeikommandant des Kantons Graubünden, Schweiz /suedostschweiz.ch

Dienstag, 26. Januar 2010

Zum Holocaust-Gedenktag


"Der Holocaust-Gedenktag erinnert an die über sechs Millionen Juden und die vielen anderen, die Opfer des nationalsozialistischen Rassen - und Größenwahns wurden. 1996 erklärte Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum nationalen Gedenktag in Deutschland „für die Opfer des Nationalsozialismus”. Er solle als "nachdenkliche Stunde inmitten der Alltagsarbeit" begangen werden; der Deutsche Bundestag trifft sich alljährlich zu einer Feierstunde. In Großbritannien wurde im Jahr 2000 der 27. Januar zum Holocaust-Gedenktag und zugleich zum Gedenktag für alle Genozide (Völkermorde) in der Welt erklärt. Die UNO hat im Oktober 2005 den 27. Januar offiziell zum Holocaust-Gedenktag erklärt und eine Resolution angenommen, in der alle Mitgliedstaaten aufgerufen werden, an diesem Tag an den Judenmord zu erinnern. UNO-Generalsekretär Kofi Annan bezeichnete dabei den Gedenktag als "eine wichtige Mahnung an die universelle Lektion des Holocaust".

Der Holocaust-Gedenktag ist Gedenktag für die Opfer der nationalsozialistischen Mordaktionen in Europa und für die Widerstandskämpfer. Der Begriff "Holocaust" kommt aus dem griechischen "olokautev", "ein Brandopfer darbringen" und ist die englische Bezeichnung für den Massenmord in den Verbrennungsöfen der Konzentrationslager im Dritten Reich. Die jüdische Bezeichnung bedeutet "Tag der Schoah" kommt vom neuhebräischen Begriff "Shoah", der die Tötung einer großen Zahl von Menschen oder eines ganzen Volkes bezeichnet und sich insbesondere als Begriff für die Verfolgung, Gettoisierung und Vernichtung der europäischen Juden während der NS-Herrschaft in Deutschland und Europa eingebürgert hat.

Am 27. Januar 1945 erreichten sowjetische Truppen das Konzentrationslager Auschwitz und befreiten die noch Überlebenden. Fast fünf Jahre lang waren dort Menschen gefoltert, gequält, ermordet worden: Juden vor allem, Polen, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene und Häftlinge anderer Nationalität. Nach der Befreiung der Konzentrationslager gingen grauenvolle Bilder um die Welt: sie legten endgültig offen, dass in Deutschland und im besetzten Europa zwölf Jahre lang Millionen Menschen verschleppt wurden, sich in Konzentrationslagern zu Tode arbeiten mussten, zynischen medizinischen Experimenten zum Opfer fielen, fielen, an Hunger und Seuchen fielen oder massenhaft exekutiert oder mit Gas erstickt wurden.

Der Jom haShoah [Gedenktag für die Shoah] wird in Israel am 27. Nisan [im April, dieses Jahr am 11. 4., siehe zum Jüdischen Kalender] begangen, indem um 10 Uhr eine Sirene die Menschen zwei Mi­nu­ten lang zum Inne­hal­ten aufruft; in dieser Zeit ruht der Verkehr, wird nicht gearbeitet, schweigend verharren die Menschen in Israel. Dann folgt eine Kranzniederlegung in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem in Anwesenheit der Regierungs- und Staatsspitzen. Um die Mittagszeit wird eine Namensliste von Schoa-Opfern verlesen, am Nachmittag gibt es eine Zeremonie für jüdische Jugendorganisationen. Die meisten dieser Programmpunkte werden live im israelischen Fernsehen übertragen und so den Bürgern nahegebracht.

1948 erklärte das Oberrabbinat von Israel den 10. Tewet [im Dezember] zum Tag des allgemeinen Trauergebets. Als im Dezember 1949 die Asche von Juden, die im KZ Flossenbürg ermordet worden waren, nach Israel überführt wurde, entschied Rabbi S.Z. Kahana, deren Asche am 10. Tewet begraben zu lassen. Rabbi Kahanas weiterreichender Vorschlag, diesen Tag als den Tag des Gedenkens an die Schoah festzusetzen, wurde vom Oberrabbinat akzeptiert. 1951 schlug der Knesset-Abgeordnete Rabbi Mordechai Nurock vor, einen eigenen Tag für das Gedenken des Holocaust zu schaffen; die Einmaligkeit der Schoa begründe einen eigenen Gedenktag. Der Tag sollte zuerst "Jom haShoah Umered Hagetaot", Holocaust- und Ghettoaufstands-Tag heißen, schließlich einigte man sich auf "Jom haShoah Wehagwurah", "Holocaust- und Heldentums-Tag". Das Finden eines Datums gestaltete sich schwierig. Die überlebenden Kämpfer des Warschauer Gettos wollten den 19. April, der Tag, an dem der Aufstand begonnen hatte. Aber dieses Datum fiel im jüdischen Kalender auf unmögliche Tage, etwa Pessach. Also versuchte man, einen anderen Platz im jüdischen Kalender zu finden und fand ihn zwischen dem Ende von Pessach und dem erst 1949 eingeführten Jom Haatzmaut und setzte den 27. Nisan als Gedenktag fest. Im Jahr 1959 wurde der Jom haShoah, weil er zuvor zu wenig Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf sich zog, in Israel zum Gesetz erhoben."

Aus: Ökumenisches Heiligenlexikon (siehe auch Wikipedia zum Gedenktag in Deutschland und Israel)



Links zu Veranstaltungen am oder um den 27. Januar 2010:

Frankfurt a. M. (diverse Veranstaltungen) - Kundgebung der Roma-Union (am 27. 1. um 18.30 h)

Offenbach a. M. (am 31. 1.)

Zossen

Rostock



Links zu aktuellen Presse- oder Medienartikeln:

Kurt Pätzold über die "Herausforderung 'Auschwitz'" (junge Welt)

Ingrid Heinisch über die Todesmärsche kurz vor Befreiung des Lagers (Neues Deutschland)

Aleida Assmann in der "FR" und Heiner Lichtenstein im "Vorwärts" über den 27. Januar als Gedenktag

Inge Günther über Pesach Anderman (FR)

Die Jenischen als Opfer des NS-Rassenwahns (Rezension im "Vorwärts")

Kurt Krohn über die Gedenkstätte des KZ Auschwitz (FR)

Kai Diekmann über die Baupläne des „Kriegsgefangenenlagers Auschwitz“ bzw. des KZ Auschwitz („Bild“-Zeitung)

Henryk M. Broder über Wolfgang Benz’ „Handbuch des Antisemitismus“ (Der Spiegel)

Die Antisemitismus/Islamophobie-Debatte zwischen Broder und Benz kommentieren Mathias Brodkorb (auf "Endstation Rechts") und Martin Lichtmesz (auf "Sezession im Netz")

Eine Diskussion über Rassismus anläßlich des Films „Zivilcourage“ (ARD, 27. 1. 2010, 20.15 h) bei Indymedia

Oliver Müller über den Charlie Chaplin-Film „Der große Diktator“ (Muslim Forum / II-moral.org )

Deutsch-polnische Versöhnungs- und Gedenkpolitik (Deutsches Polen Institut Darmstadt)

Holocaust Memorial Page der United Nations

Sonntag, 24. Januar 2010

Unfrisierte Depeschen einer Woche


Nachrichtlich gesehen, und das lag sicher nicht nur am Wetter, war das eine Woche seltsamer Terrordrohungen, Gewinnwarnungen und Ausbruchsversuche aus der Krise. Am zeitigsten dran war der politisch angeschlagene hessische Ministerpräsident, der rasende Roland aus Wiesbaden, der zum Montagsekundiert von einem Fachblatt für gezielte Falschmeldungen, hier eine Richtigstellung - in der etwas seriöseren Fachpostille "Wirtschaftswoche" jenen Brandsatz zu Protokoll gab, der Sozialhilfeempfänger mit einem faschistoiden Zwangsarbeitsdienst bedroht. Als ob die Agenda 2010, größtenteils erfunden von einem inzwischen verurteilten Wirtschaftskriminellen, in den letzten Jahren nicht schon genug ökonomischen Terror auf dem Arbeitsmarkt veranstaltet hätte ! So nahmen die Dinge ihren Lauf: Gleich am Dienstag meldeten sich in einem sächsischen Einkaufszentrum in Bad Düben und in einer Grundschule in Haste (bei Hamburg) die ersten Nachahmungstäter in Kochs Fußstapfen (während aus der JVA Münster zwei Gefangene, darunter ein Abschiebehäftling, ausbrachen), woraufhin dann am Mittwoch am Flughafen in München Mensch und Technik einen "doppelten Fehlalarm" (FTD) inszenierten, der ganz hübsch Aufregung verursachte, jetzt aber immerhin brutalstmöglich aufgeklärt ist.

Richtig zur Sache ging's aber erst am Donnerstag, zunächst gab es zwei Bombendrohungen in Kiel (die erste am Morgen, die zweite am Abend), dann verhaftete man auf dem Flughafen Philadelphia einen vermeintlichen Selbstmordattentäter (er entpuppte sich als frommer Jude, der mit ledernen Gebetsriemen, die Fluggäste für einen Sprengstoffgürtel gehalten hatten, sein Morgengebet verrichten wollte), und schließlich trat in Washington US-Präsident Obama vor die Presse und hielt eine Rede, die nicht nur an der Wall Street (und in einigen anderen Spielcasinos) einschlug wie eine Bombe.

Am Freitag kam’s dann noch dicker: Da explodierte in der Kreisausländerbehörde von Göttingen ein kleiner Sprengsatz, in Zossen bei Berlin wurde in der Nacht zum Samstag das "Haus der Demokratie" niedergebrannt, in Wiesbaden erhielt der rasende Roland, der sich nun auch im Fachblatt der gelegentlich klugen Köpfe brandstifterisch betätigen durfte, eine Bombenattrappe (mit angehängter Verlustwarnung für seine Besitztümer) zugesandt, in Graben-Neudorff (bei Karlsruhe) versuchte ein 57-Jähriger eine Bank mit einer Terrordrohung zu erpressen (woraufhin drei Grundschulen und ein Kindergarten geräumt wurden), in Zossen bei Berlin wurde das "Haus der Demokratie" niedergebrannt und am Airport Köln-Bonn legte ein liebeskranker 50-Jähriger in gleicher Weise drei Stunden lang einen Passagier-Jet lahm, während ein türkisches Passagierflugzeug, dessen Pilot auf dem Örtchen eine seltsame Spiegelschrift entdeckt hatte, seinen Flieger in Thessaloniki notlandete, was nun offenbar auch die Geheimdienste von Großbritannien und Indien zu Terrorwarnungen veranlaßte.

Am Samstag blieb es vergleichsweise ruhig, aber da bereitete der Fernhintreffer aus Waziristan, der Erzterrorist Osama bin Laden, in seinem Höhlenversteck wohl schon seine neueste Terror-Audio-Botschaft vor, die dann am Sonntag bei Al-Jazeera in Katar auf Sendung ging, während es im Nordosten des Iran, auf dem Flughafen von Mesched, einen Flugzeug-Crash mit 55 Verletzten gab: Ein Pilot hatte hier laut iranischen Agenturberichten seine Maschine wegen eines kranken Passagiers an Bord trotz Schlechtwetter bruch- und notgelandet. Na ja, krankheitsbedingte Notlandungen sind ja nichts Ungewöhnliches. Vielleicht war dieser persische Patient ja aber auch nur wieder ein Frommer oder Liebeskranker, der mit Gebetsriemen oder ähnlichem Beiwerk hantiert hatte …



Mittwoch, 20. Januar 2010

Kristina ist eine ganz Scharfe


Das flotte CDU-Mädel, Ende November überraschend auf einen Berliner Chefsessel im Kabinett Merkel II promoviert, hatte da im Glück zunächst wohl ein bißchen Unglück: Da ihre ministeriale Aufwärmphase in die kalte Jahreszeit fiel, brauchte die Wiesbadenerin erstmal eine gewisse Akklimatisierungs-Periode, um in den neuen vier Wänden so richtig heimisch zu werden. Zuerst, so stand zu lesen, fremdelte sie etwas im neuen Amt bzw. hatte ein paar Schmetterlinge im Bauch, dann mußte sie dem investigativ beschwingten Journalisten-Schwarm erklären, weshalb ihre Doktorarbeit gewissermaßen als horizontales oder vertikales teamwork à quatre mains zu verstehen sei, und schließlich wurde bekannt, daß Vorgängerin von der Leyen nicht nur zwei bewährte Ministerialbeamtinnen, eigentlich fest eingeplant als Stütze für Kristinas Gesellschaft, sondern auch noch inhaltliche Portfolio-Perlen in ihr neues Ressort (Arbeitsministerium) mitgenommen hatte. Jeder Versuch, an Frau Ursulas siebenfaches Mutterverdienstkreuz heranzukommen, wäre für die 32-jährige Jungpolitikerin ja ohnehin nur ein verflixt langfristig realisierbares Unterfangen, zumal das romantische Vorspiel zu diesem Projekt auch noch nicht in trockenen Tüchern ist. Das steht erst für Februar an, da will die frischgebackene Familienministerin mit ihrem Parteifreund Ole Schröder, einer Stütze in Innenminister de Maizières Gesellschaft, politisch korrekt in den Hafen der Ehe einlaufen …

Man fing also fast schon an, Mitleid mit der unter doppeltem Erfolgsdruck stehenden Pferdeschwanz- und Hoffnungsträgerin zu haben, als am letzten Wochenende, gerade noch rechtzeitig, ein berüchtigtes Hamburger Nachrichtenmagazin mit einer politischen People- und Office-Story intervenierte, um dem Wiesbadener Wildfang jetzt mal ein bißchen Feuer unter dem Popo zu machen (Der Spiegel, Nr. 3, 18. Januar 2010, Seite 28-29). Und als sich dann noch eine von Friede Springers Edelfedern einmischte, wurde daraus endlich ein Projekt, mit der Frau Köhler jetzt rechtspopolistisch vielleicht mal ein bißchen punkten kann. Geplant ist demnach die politische Landschaftspflege links bzw. rechts von der Mitte – je nachdem, wie man das sieht. "Im Jugendministerium", so jubilierte die FAZ jedenfalls in ihrer Mittwochsausgabe (Seite 4), "werden künftig auch Fördermittel für den Kampf gegen den Linksextremismus bereitgestellt." Und die Islamismus-Front soll auch nicht ganz leer ausgehen. Die neue Jugendministerin beginne damit eine "behutsame Korrektur der kriminalstatistisch ungerechtfertigten Förderpolitik" ihres Hauses, so erklärte uns das Blatt. Bisher war der ministeriale Geldsegen nämlich fast auschließlich über gutgemeinten Projekten gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus niedergegangen …

Wer genau die fesche Kristina da zum Jagen in diesen neuen Feuchtgebieten des linken (und islamistischen) Extremismus-Sumpfes getragen hat, läßt sich ex post freilich nur noch ungefähr rekonstruieren. Die Diplom-Soziologin und promovierte Politologin hatte wohl beim Kassensturz im Ministerium überraschend noch jede Menge "Restmittel" aus dem Haushaltsjahr 2009 entdeckt – in den ersten Wochen ihrer Amtszeit waren dem "Spiegel" zufolge ja ohnehin fast ausschließlich Mobilfunk-Kosten angefallen. (Ganz zu Anfang, verriet sie dem Magazin, sei sie nämlich vollkommen allein gewesen in ihrem neuen Amt: "Nur mein Handy und ich"). Ein gewisses Schärflein zur glücklichen Wendung der Dinge hat aber vielleicht auch die turbulente Mely Kiyak beigetragen, die zuverlässig freche Frankfurter-Rundschau-Kolumnistin, die Anfang Januar zu einer schlüpfrigen Bildungsreise in die Mannheimer Kunsthalle aufgebrochen und von dieser "sentimental journey" zurückgekommen war mit einem frei assoziierenden, ziemlich angeschwipsten Stück, das sich als spontane Epistel an die "liebe Kristina Köhler" entpuppte, welche darin zwar nur kurz, gerade deshalb aber vielleicht um so nachhaltig erfrischender angesprochen wurde, und das klang dann so:

„Auf der Rückfahrt dachte ich, was soll's, die Welt geht unter, und von unserer Familienministerin hört man auch nichts, außer daß sie gerade dabei ist, eine Familie zu gründen, sich also für eine andere Form des Extremismus entschieden hat, statt Familienpolitik zu betreiben.“

Vielleicht war's ja das, vielleicht war es am Ende dieses anregend prickelnde Kiyak'sche Ideengewimmel, das dann, im morgendlichen Amts-Presse-Spiegel der Ministerin mundgerecht dargebracht, bei jener den fatalen Knoten der "performance anxiety" glücklich und endlich platzen ließ, so daß Frau Kristina sich sagte: Also gut, Familiengründung hin, Extremismus her, die Hausherrin hier am Alexanderplatz bin jedenfalls ich, mobiltelefoniert ist auch genug, und deshalb beschließt meine Effizienz jetzt mal, zur Feier des Tages ein kleines Fäßlein namens "Kampf gegen den Linksextremismus" aufzumachen …

And here we are, nun sollte Frau Köhler natürlich auch liefern. An Ideen, wie das ministerielle Manna zu verteilen ist, dürfte zum Glück kein Mangel sein. Der Institutionen- und Projektdschungel des staatlich geförderten Antifaschismus hält hier genügend Anregungen bereit. Es entstehen nun gewiß noch mehr solcher phantasievoller Produkte wie der unlängst in Nordrhein-Westfalen kreierte Verfassungsschutz-Comic "Andi", der im poppigen Manga-Stil die politische Sozialisation des geschätzt 14-jährigen Musterdemokraten Andi erzählt: Zuerst hat der blondgelockte Musterknabe Streß mit Neonazis (Band 1), dann Ärger mit Islamisten (Band 2) und zuletzt gerät er in einer linksmilitanten Jugendclique beinahe auf Abwege (Band 3). Vor allem dieser dritte Band wurde in der linksautonomen Szene zunächst hauptsächlich mit fast anerkennendem, ironischen Schmunzeln quittiert (einen derartig artistischen Aufschwung hätte man den grauen VS-Schlapphüten nämlich a priori nun wirklich nicht zugetraut) und er hat dann eine Reihe von kreativen Persiflagen inspiriert, bei der die Sprechblasen der Manga-Figuren einfach durch neue Botschaften ersetzt wurden (vgl. etwa ein laufender "Verfassungsschutz-Andi Remix Wettbewerb"). Die Linksautonomen jedenfalls fanden sich hier zumindest visuell nicht übel getroffen – bis hin zum gut beobachteten Detail, daß auch in der autonomen Szene (wie im politisch-medialen Berlin oder im Fantasy-Roman) inzwischen vor allem starke Anführerinnen das Sagen haben. Machen wir uns nichts vor: Die Lara Crofts, Vampyr-Ladies und Riot-Girls regieren heutzutage im Grunde immer mehr die Welt. Kürzlich eröffnete in den hiesigen Breiten zum Beispiel eine "Frauen-Antifa-Bar" und tauschte sich erst einmal über die charmante Frage aus: "Frauen in der Antifa – mehr als Lippenstift und Lederhandschuh?". Hier könnte nun Frau Köhler ihren Charme spielen lassen und den im Ministerium überraschend aufgetauchten Reptilienfonds gewinnbringend investieren. Etwa in einem Aufstiegsprogramm für junge Autonome-Antifa-Damen unter dem Motto "Mehr Lippenstift, aber weniger Lederhandschuh!" Denn letzterer fällt ja wahrscheinlich unters Vermummungsverbot …

Foto: Kristina Köhler im Bundestagswahlkampf 2009 in Wiesbaden / Sat.1 Regionalmagazin für Rheinland-Pfalz und Hessen

Dienstag, 19. Januar 2010

Von der Mücke und vom Elefanten




vidyāvinayasampanne
brāhmane gavi hastini
śuni caiva śvapāke ca
panditāh samadarśinah


Mit gleichem Auge blicken die Weisen auf einen gelehrten und demütigen Brahmanen, auf eine Kuh, einen Elefanten, ja sogar auf einen Hund und einen Kastenlosen.


Aus:

Die Bhagavadgītā [V, 18], Sanskrittext mit Einleitung und Kommentar von S. Radhakrishnan, mit dem indischen Urtext verglichen und ins Deutsche übersetzt von S. Lienhard, Verlag R. Löwit, Wiesbaden, ohne Jahr, Seite 207

***

Abbildung: Hannibals Kavallerie (Tzar_Dushan / Photobucket.com)

Montag, 18. Januar 2010

Schwarmintelligenz und Führerfisch

"Ich schlage vor, daß wir uns der Frage des Dämonischen kunsthistorisch nähern, da bleibt man unbefangener. Betrachten wir zum Beispiel die Dämonen des Hieronymus Bosch. Dessen krakelige Monster sind vielgestaltig genug, aber sie haben alle etwas Gemeinsames: sie sind nicht komplett. Ihr Terror, das Entsetzen, das sie abstrahlen, ist das von unvollständigen, aufs Maschinell-Monomane reduzierten Krüppelwesen. Darauf, auf Deformation, läuft, so meine ich, auch Hitlers Dämonie letzten Endes hinaus (falls es sie gab).

Aber was fehlte ihm ? Was war sein entscheidentes (und in der Wirkung höllisches) Handicap ? Hier hilft ein Exempel aus der experimentellen Biologie.

Vor Jahren las ich von einem Versuch, den man mit Schwarmfischen ausrichtete, jenen winzigen glitzernden Wesen, die zu Hunderten und Tausenden gemeinsam in einem einzigen Augenblick die Richtung wechseln; Knoten in einem unsichtbaren Beziehungsnetz, das als Überorganismus zu leben und zu funktionieren scheint. Den Nervenstrang, der ihnen das ermöglicht, hat man isoliert: er läuft längsseits ihrer Flanken. Und man hat in der bekannt skrupellosen Neugier der Naturwissenschaft, einen dieser Kleinen zum Krüppel gemacht und das lebenswichtige Empathie-Organ entfernt. Der mißhandelte Fisch, äußerlich unversehrt, wurde dann dem Heimatschwarm zurückgegeben – und er wurde logischerweise zum Führerfisch.

Logischerweise. Denn da er keine Signale wahrnahm, die Tausendschaft seiner Gefährten aber einen solchen Zustand nicht kannte, nahmen sie seine einsamen, nicht mehr mit ihnen koordinierten Richtungssentschlüsse als Ergebnis der vertrauten kollektiven Abstimmung und damit als richtungsweisend an. Er allein, der geheime Krüppel, schien zu wissen, wo es langging, wo es aufwärts oder abwärts oder links oder rechts ging, während er in Wahrheit nur blindem, autistischem Drang folgte.

Führerdämonie als Folge von absoluter, zur Empathie unfähiger Ichbezogenheit – setzt man sich dieser Möglichkeit erst einmal aus, dann findet man sie öfters als einmal in der Geschichte der "großen" Führergestalten. So scheint alles darauf hinzudeuten, daß Alexander von Makedonien darunter litt. Bei Napoleon ist es schon belegbarer, etwa durch die Aufrufe an seine Soldaten und seine Nation bei der Eröffnung eines neuen blutigen Krieges: "Franzosen ! Der Zar hat mir sein Wort gebrochen !" Offensichtlich hielt er sein persönliches Betrogenwerden für einen hinreichenden Grund, Schlachtfelder mit Myriaden von Toten zu pflastern. Aber keiner war so entschieden verkrüppelt wie Hitler. "

Aus:

Carl Amery, Hitler als Vorläufer. Auschwitz – der Beginn des 21. Jahrhunderts ?, Luchterhand Literaturverlag, München 1998, Seite 52-53

Freitag, 15. Januar 2010

Schon wieder muß der Gladiator ran



In Guttenbergs Hütte, sinnreich untergebracht im Bendler-Block heiligen Angedenkens, brennt's. Und weil der "Blitzkrieg-Minister"(FTD) nach dem St. Florians-Prinzip agiert, hat das Feuer auch schon auf andere Regierungs- und Parteigebäude in Berlin und Umgebung übergegriffen. Im Wirtschaftsministerium hat er sich ja auch schon versucht, und dort außer Sprücheklopfen und einem schmierigen Skandal wenig zustande gebracht. Die "Initiative für Neue Soziale Marktwirtschaft" präsentiert ihn auf einer Website übrigens auch jetzt noch als das “ordnungspolitische Gewissen der Bundesregierung”. If you can make it there, you can make it anywhere. So setzte der "Lothar Matthäus des Polittalks" im Verteidigungsministerium sein wirres Agieren fort. Zuerst deklarierte er das Kundus-Massaker als "militärisch angemessen", dann war’s schwuppdiwupp das Gegenteil – obgleich sich die Sachlage nicht substanziell geändert hat (und es von Anfang an sonnenklar war, daß Oberst Klein etliche Einsatzregeln mit Füßen getreten hat). Ähnlich hilflos und konfus wirkt Guttenbergs Einschätzung des westlichen Kriegseinsatzes in Afghanistan: Zuerst heimste er bei der Journaille viel Lob dafür ein, daß er von "kriegsähnlichen Zuständen" sprach, als Winterfrischler in Wildbad Kreuth ging der Ex-Gebirgsjäger und Jägersmann des verlogenen Geschwätzes dann plötzlich zur Sprachregelung "nicht-internationaler bewaffneter Konflikt" über (die offenbar schon seit November, vielleicht mußten hier ja auch wieder ein paar Lawfirm-Spezln ran, in der Pipeline war) . Ein nicht-internationaler Konflikt, an dem auf ISAF-Seite nicht weniger als 44 (in Worten: vierundvierzig, im Irak-Krieg waren es offenbar dreiundvierzig, mehr waren es nur in den beiden Weltkriegen) souveräne Staaten teilnehmen – ja geht's noch, mag man fragen, hat Freund Guttenberg jetzt völlig den Verstand verloren ?

Na ja, wie man mit Begriffen sophistisch Schindluder treibt, um auf Biegen und Brechen die schwächere Sache zur stärkeren zu machen (Aristoteles, Rhetorik II, 24, 9; 1402 a), hat er auf der Juristenfakultät gelernt (er ist ja seit 2007 ein irgendwie promovierter Doctor juris), und wenn man geistig dazu in der Lage ist, dasselbe Massaker an Zivilisten aufgrund identischer Faktenlage einmal als "angemessen", ein andermal als "unangemessen" zu beurteilen (als verkörpere man gleich zwei Gerichtsinstanzen in einer Person und als gelte für derlei Entscheidungen die freie Beweiswürdigung der StPO § 261, die nur für Gerichtsverhandlungen gilt, denn weder ist Guttenberg Richter, noch hat er hier irgendetwas gerichtsverhandelt, sondern nur mit seinen Mitarbeitern rumgehampelt, was damit endete, daß es ihm gelang, zwei von ihnen vor die Tür zu setzen), wenn man also dieses Opfer des gesunden Menschenverstandes hinkriegt, dann bringt man es natürlich auch fertig, ein Schlachtengetümmel von mindestens 44 Nationen semantisch in einen nicht-internationalen Konflikt zu verwandeln.

Hintergrund dieser dezisionistischen Sprach- und Machtspiele ist natürlich, daß Guttenberg seine eigene Haut politisch retten und seine Soldaten vor Strafverfolgung bewahren möchte, falls diese noch mehr Zivilisten töten. Mit letzterem mag er bei der Truppe vielleicht ein paar Punkte machen. Aber was seine Position zur von den USA geforderten Verstärkung der Bundeswehrtruppen betrifft, fährt er einen Zickzackkurs, denn er hat keine klare Einschätzung von dem, was in Afghanistan eigentlich zu tun oder zu lassen wäre: Zunächst war er vorgeprescht, um den USA die deutsche Bereitschaft zu einer solchen Aufstockung zu signalisieren, nun scheint er bereit, auf Seehofers, Westerwelles (und Merkels ?) Linie einzuschwenken, die diesem Ansinnen skeptisch gegenüberstehen – natürlich geht’s ihm dabei primär um den eigenen Machterhalt. Mit dieser Zickzackstrategie aber, und da liegt die Crux, hat Guttenberg die Regierung, der er angehört, mittlerweile in ein Tollhaus verwandelt. Beziehungsweise er ist auf dem besten Weg dorthin. Im politischen Berlin, in der CDU und sogar in der Linkspartei (von der zu Afghanistan bisher wenig zu hören war, wohin der Morbus Guttenberg aber auch irgendwie übergegriffen haben muß) herrscht jedenfalls ein fröhliches Tohuwabohu, an allen Ecken und Enden sind Löschtrupps unterwegs (das automobile Vermögen Deutschlands wird ja schon seit längerem abgefackelt oder abgewrackt), der Bedarf an Blitzableitern -- Guttenberg hat’s mit Schneiderhan & Co. vorgemacht -- steigt stündlich. Der derzeit bevorzugte Blitzableiter ist die "Scheinriesin zwischen Kampfzwergen"(Spiegel), Mama Merkel herself, und es kommt im Berliner Handgemenge gleichzeitig zu den seltsamsten Koalitionen, Volten und Umarmungsversuchen.

Nehmen wir nur die letzten Tage: Nachdem die EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann mit zwei, drei aufmüpfigen Äußerungen zu Weihnachten und Silvester (die es aber, man lese einmal die berühmt-berüchtigte Neujahrspredigt selbst, dialektisch-theologisch durchaus in sich haben) plötzlich zur Buhfrau der Afghanistankrieg-Fanatiker geworden (man fragt sich jetzt noch, wie das zuging, sie kam zu diesem Status fast wie Jungfrau zum Kind) und die halbe politische Klasse über sie hergefallen war, versuchte der geschmeidige Guttenberg als Charmeur und sozusagen suaviter in modo zu punkten und lud die agile Frontfrau der Protestanten zum Kaffeekränzchen in sein Kriegsministerium ein.

War dieser im Studio Guttenberg ausgetüftelte Versuch, das Bodenpersonal des lieben Gottes zu umgarnen, nun ein PR-Erfolg für den Kriegsminister ? Nein, denn das Ganze war im wesentlichen nicht mehr als ein diplomatischer Höflichkeitsbesuch "zum Kennenlernen" (der übrigens hübsch sittsam unter Beiziehung von Sekundanten stattfand), die Bischöfin ließ sich den Schneid und ihre Kritik am Einsatz keineswegs abkaufen, und der vereinbarte weitere Gesprächsaustausch wird das Afghanistan-Thema im Gespräch halten. Wenn diese Diskussion demokratisch geführt wird, wird sie in eine andere Richtung laufen, als es sich der USA-hörige Minister wünscht – die Mehrheit der Deutschen ist nämlich gegen den Kriegseinsatz in Afghanistan. Gleich nach seinem Plausch mit dem protestantischen Bodenpersonal, mußte Guttenberg übrigens bei seiner eigenen Luftwaffe, die durch die ministerialen Kabalen wohl ziemlich verunsichert ist, gut’ Wetter und Boden gut machen. "Von der Bischöfin in die Transall, zum Antrittsbesuch auf dem Fliegerhorst im oberbayerischen Neuburg an der Donau - so robbt sich der 38-Jährige aus dem Schlamassel der vergangenen Wochen heraus", beschrieb der „Spiegel“ die Guttenberg’schen Kriechbewegungen. Am Freitag tauchte Guttenberg dann im Gefechtsübungszentrum der Bundeswehr in Letzlingen auf. Wahrscheinlich wollte er hier schon mal das letzte Gefecht proben. Erfolgreiche PR sieht anders aus …


Vor allem aber sind der Bischöfin Käßmann mittlerweile nicht nur mehrere katholische Amtskollegen, etwa der Trierer Bischof Ackermann und überraschenderweise auch der (bislang eher konservativ profilierte) Augsburger Militärbischof Mixa, sondern auch CSU-Chef Seehofer, ja sogar die Bundeskanzlerin selbst beigesprungen. Auch wenn diese Statements als solche keineswegs ein klares Nein zum militärischen Engagement der Bundeswehr formulieren (auch Käßmann forderte ja lediglich einen möglichst baldigen Abzug der deutschen Soldaten, "weil dieser Krieg so nicht zu rechtfertigen" sei, und um die Position der Bundesregierung wird ja gerade heftigst gerungen), sind sie doch bemerkenswert. So hat Kanzlerin Merkel einem Focus-Bericht zufolge Käßmanns Intervention inzwischen verteidigt. „Ich glaube, daß die Einmischung in aktuelle politische Fragen begrüßt werden sollte von der Politik. Ich muß ja nicht jede Meinung teilen“, sagte die Regierungschefin am Donnerstag laut Bericht dem Fernsehsenders Phoenix. "Die Evangelische Kirche hat sich zu vielen Fragen eine Meinung gebildet und ich glaube, auch in der Katholischen Kirche ist das durchaus üblich."

Der SPD-Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose hingegen, der als Mitglied oder Unterstützer des Lobbyisten-Clubs Atlantik-Brücke e.V. schon seit längerem treu an den Lippen des US-Imperialismus hängt und das Bundesverdienstkreuz ablehnte, weil sich so etwas nicht mit dem Profil eines stolzen "Hanseaten" verträgt, der offenbar nur seiner eigenen großbürgerlichen Kaste und ihren Netzwerken verpflichtet sein will, dieser Klose legte noch einmal gegen Käßmann nach. Einen schnellen Rückzug zu fordern, sei zu einfach gedacht, erklärte er am Donnerstag der "Bild"-Zeitung: "Wenn wir heute abziehen, sind in sechs Wochen wieder die Taliban an der Macht."


Woher weiß Klose das eigentlich so genau ?

Der "aufgeklärte US-Imperialist" und Nahost-Experte Thomas L. Friedman, der bei Bill Clinton noch einigermaßen Gehör fand, jetzt unter der Obama-Administration aber offenbar keinen Stich mehr macht gegen den militärisch-industriellen Komplex, hatte Ende Oktober in der "New York Times" differenzierter argumentiert:

"Was passiert, wenn wir unsere Präsenz in Afghanistan herunterfahren (shrink down) ? Wird das nicht dazu führen, daß Al-Qaida zurückkehrt, die Taliban einen Energieschub erhalten und Pakistan zusammenbricht ? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. (…). Im Mittleren Osten wird alle Politik – alles, was zählt – jeden Morgen von neuem erfunden (happens the morning after the morning after). Hier ist Geduld gefragt. Ja, wenn wir unsere Präsenz herunterfahren, werden die Taliban am Morgen danach Freudenfeste feiern, Pakistan wird erzittern und bin Laden wird sich mit einem Jubel-Video zu Wort melden. Doch am Tag nach diesem Tag danach, werden die Taliban-Fraktionen beginnen, sich untereinander zu bekämpfen, die pakistanische Armee wird ihre eigenen Taliban zerstören müssen, oder von ihnen zerstört werden, die afghanischen Kriegsherren werden das Land unter sich aufteilen, und wenn sich bin Laden aus seiner Höhle wagt, wird ihn eine Drohne erwischen. Ja, eine Truppenreduzierung schafft neue Bedrohungen, aber eine Aufstockung tut das ebenso. I’d rather deal with the new threats with a stronger America."

Wohlgemerkt: Friedman, ein eingefleischter Enthusiast der Globalisierung und einstiger Befürworter des Irak-Krieges, der noch 2003 forderte, „man müsse ins Herz der [arabischen] Welt gehen und deren Schädel einschlagen“ (inzwischen ist er in dieser Hinsicht zur Besinnung gekommen), argumentiert von einem rein US-amerikanischen Standpunkt aus. "Wir sind die Welt", lautet einer seiner Bekenntnissätze. "Ein starkes, gesundes und selbstbewußtes Amerika hält die Welt zusammen und auf einem anständigen Weg." Er befürchtet, daß sich US-Amerika mit dem "Wiederaufbau" Afghanistans ein "mindestens zwanzigjähriges Projekt" aufgeladen hat, in dem sich nur verschleißen, ja ausbluten kann. Sein Hauptargument, weshalb die im Irak angewendete Surge-Strategie ("Die Truppen aufstocken, den Krieg ausweiten, die Lage wenden, um dann möglichst schnell rauszugehen") in Afghanistan nicht funktionieren wird (ihr Erfolg ist ja auch im Irak viel zweifelhafter, als Friedman uns glauben machen will), dieses Hauptargument lautet, daß in Afghanistan letztlich die politischen Bündnispartner für diese Strategie fehlen.

Der amerikanische ISAF-Oberbefehlshaber McChrystal, der sich mit seiner Forderung nach 30.000 zusätzlichen Soldaten vorerst gegen die Friedman-Position durchgesetzt hat, bestätigte ihn aber genau in diesem Punkt, wenn er in einem „Spiegel“-Gespräch seine Interview-Partnerin Susanne Koelbl mit der Feststellung verblüffte (so nehmen wir mal an) , die hauptsächlichen Gefahren für die afghanische Zivilbevölkerung gingen keineswegs von "gegnerischen Verbänden" (also den Taliban) aus:

"Die eigentlichen Bedrohungen für die Menschen hier gehen eher von lokalen Machthabern aus, die Afghanen erleben die alltägliche Einschüchterung, die vielen Sprengfallen. Und davor können wir die Menschen nicht mit konventioneller Kriegführung schützen."


(Spiegel, Nr. 2, 11. Januar 2010, Seite 87)

Mit anderen Worten: Der Westen hat sich in Afghanistan so ziemlich im Gegner geirrt, er kämpft gegen die falschen „Feinde des Wiederaufbaus“.

Deshalb hier schon mal ein phantasievoller Vorschlag zur Güte:

Action-Star und Body-Builder Ralf Moeller, der laut “Spiegel Online” wild entschlossen ist, an der Seite von Verteidigungsminister Guttenberg nach Afghanistan zu reisen, übergibt seine „Fitness-Geräte im Wert von 30.000 Euro“ diesmal den Taliban und bietet ihnen auch gleichzeitig Kurse zum physischen Wiederaufbau an.

Das Motto sollte kurzgesagt lauten:

Friede, Freude, Fitness und Eierkuchen an allen Fronten.

Alles muß jetzt raus.

Und für weitere Vorschläge strengen wir dann unsere Gehirnmuskeln an.


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Foto: Action-Star Ralf Moeller und Verteidigungsminister zu Guttenberg im November 2009 / ddp

Mittwoch, 13. Januar 2010

Eye-witness to devastation


David L. Wilson of Weekly News Update on the Americas reports from Port-au-Prince, Jan. 12, 8:40 PM:

I'm writing from the southern part of Port-au-Prince; I have been in Haiti since last Thursday on a delegation in support of Mouvman Peyizan Papay (MPP), the Papay Peasant Movement. The earthquake hit less than 12 hours ago, and damage here is extensive. The Olaffson Hotel, where I was waiting to be picked up by Paul from Batay Ouvriye, hasn't had serious damage, but one of the walls in front fell. Street vendors were working there; at least one was injured and taken away. Another was killed. Her body is still lying under the blocks—there's no time to deal with the dead.
In the hour after the first shock, people passed by carrying the injured, one in a wheelbarrow, another on a stretcher improvised of planks.
People come here and report damage all through the city, although the stories are contradictory: the National Palace is totally destroyed, the National Palace is partly destroyed, the General Hospital is destroyed, no, it's a little hospital in Petionville.
To add to the trauma, there are aftershocks, mostly small, some substantial. Many people in the neighborhood are singing. I suspect they're praying, but I can't make out the words.
What is most obviously missing from this picture is any organized relief. Where is the 9,000-strong U.N. mission? One helicopter flew over the city about an hour after the first shock, but we've seen and heard nothing since then.
This is a country where the infrastructure was already collapsed, despite decades of "international aid"—or because of it. Will the U.S. and the other countries do anything, even now?

From WORLD WAR 4 REPORT

DIGBY, HULLABOO, reports (via ALTERNET) that the UN stabilization mission headquarter itself was severely hit.

AFRIK.COM reports that the earthquake has prompted tsunami warnings for Caribbean and Central America.

UN Secretary-General Ban Ki-moon said yesterday in New York:

"My heart goes out to the people of Haiti after this devastating earthquake. At this time of tragedy, I am very concerned for the people of Haiti and also for the many United Nations staff who serve there. I am receiving initial reports and following developments closely."

On earthquake



"Wenn der Mensch so handelte, wie er eigentlich müßte, würden alle Jahreszeiten und die Luft in den Jahreszeiten gleich bleiben, also im jetzigen Frühling genauso sein wie im vergangenen Frühling. Weil der Mensch aber ungehorsam ist, überschreiten auch die Elemente ihre Rechte."





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Ce système du Tout est bien ne représente l’auteur de toute la nature que comme un roi puissant et malfaisant, qui ne s’embarrasse pas qu’il en coûte la vie à quatre ou cinq cent mille hommes, et que les autres traînent leurs jours dans la disette et dans les larmes, pourvu qu’il vienne à bout de ses desseins.


Loin donc que l’opinion du meilleur des mondes possibles console, elle est désespérante pour les philosophes qui l’embrassent. La question du bien et du mal demeure un chaos indébrouillable pour ceux qui cherchent de bonne foi; c’est un jeu d’esprit pour ceux qui disputent; ils sont des forçats qui jouent avec leurs chaînes. Pour le peuple non pensant, il ressemble assez à des poissons qu’on a transportés d’une rivière dans un réservoir; ils ne se doutent pas qu’ils sont là pour être mangés le carême: aussi ne savons-nous rien du tout par nous-mêmes des causes de notre destinée.


Dieses System des Alles ist gut stellt den Schöpfer der Natur als nichts weiter denn als einen mächtigen, bösen König hin, dem es nicht darauf ankommt, ob es vierhundert- oder fünfhunderttausend Menschen das Leben kostet und ob die übrigen ihre Tage in Entbehrung und Tränen hinbringen, wenn er nur erreicht, was er sich vorgenommen hat.


Die Vorstellung von der besten der möglichen Welten ist also weit entfernt davon zu trösten; sie bringt die Philosophen, die sie sich zu eigen machen, zur Verzweiflung. Die Frage nach Gut und Böse bleibt ein unentwirrbares Chaos für alle wahrhaft Suchenden. Ein Spiel des Geistes ist sie für die Disputierer, die wie Sträflinge mit ihren Ketten spielen. Und das nichtdenkende Volk ? Es hat Ähnlichkeiten mit Fischen, die man aus einem Fluß in ein Becken gebracht hat; sie wissen nicht, daß sie da sind, um zur Fastenzeit gegessen zu werden, und so wissen auch wir nichts aus uns selber über die Gründe unseres Schicksalsweges.



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There is no vapid fury of mortal mind — expressed in earthquake, wind, wave, lightning, fire, bestial ferocity — and this so-called mind is self-destroyed.



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Abbildung: Weltall-Darstellung aus dem Liber Scivias oder Hildegardis-Codex, um 1180 entstanden im Kloster Rupertsberg, der nur als handgefertigtes Faksimile von 1927 erhalten ist,
heute aufbewahrt in der Benediktinerinnenabtei Sankt Hildegard, Eibingen bei Rüdesheim, Hessen, Deutschland

Dienstag, 12. Januar 2010

Zwei Meldungen dieser Tage aus der Ägäis




Death toll reaches 21 in suspected boat capsizing


[Thracia, Turkey / Greece] The discovery of two more bodies early Sunday brought the death toll of suspected refugees who drowned along the Greek-Turkish border to 21, the Anatolia news agency reported [on Sunday, 10th January]. The first bodies, believed to be of people who failed in an attempt to cross the Maritsa, or Evros, River into Greece illegally, were discovered last Monday.

It is unclear how large the suspected refugee group was and whether any of them made it across the river safely. Authorities believe the group tried to cross the river in a boat, but died under circumstances that remain unclear.


The area around the Maritsa and the nearby Aegean Sea are popular routes for illegal immigrants trying to access the European Union. Thousands of illegal immigrants from Asia and Africa enter EU-member Greece every year, usually making risky crossings from Turkey in boats that are not seaworthy. Ten people died in October 2009 when a boat carrying Afghan families sank off the eastern Aegean Sea island of Lesvos.


From Clandestine English / Today's Szaman Istanbul


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Pogrome an der türkischen Ägäisküste


Nach rassistischem Angriff auf Roma-Siedlung: Gouverneur veranlaßt Umsiedlung von 74 Bewohnern / Von Nick Brauns, junge Welt


[Selendi, Manisa, Türkei] Nach Pogromen türkischer Nationalisten in der Kleinstadt Selendi [150km nordöstöstlich von Izmir] an der Ägäisküste hat der Gouverneur der Provinz Manisa am Donnerstag 74 Roma, darunter 15 Kinder, in Fertighäuser des Roten Kreuzes in der Nachbarstadt Salihli umsiedeln lassen. Die Auseinandersetzungen hatten in der Silvesternacht begonnen, als der Besitzer einer Teestube Ramazan Yildiz dem Rom Burhan Ucku erklärte: »Kein Tee für Zigeuner«. Ucku wurde gewaltsam aus dem Teehaus geworfen, anschließend griffen türkische Rassisten die Roma-Siedlung an, zerstörten Zelte, zündeten Autos an und verwüsteten Geschäfte. Sie skandierten Parolen wie »Selendi gehört uns!« und »Zigeuner raus!« Nachdem Ucku und seine Freunde ihrerseits am Mittwoch Steine auf das Teehaus warfen, wurde das Roma-Viertel von etwa tausend Personen gestürmt und mit Steinen und Molotowcocktails verwüstet. Laut Zeugenaussagen hatte Bürgermeister Nurullah Savas von der faschistischen MHP zu den Angriffen ermutigt. Die Polizei ließ die Rassisten gewähren. Sie könne die Sicherheit der Roma nicht mehr garantieren. Erst nach Stunden wurden die in ihren Häusern verschanzten Roma schließlich in Sicherheit gebracht.



In der von hoher Arbeitslosigkeit geplagten 6.000-Einwohner-Stadt Selendi waren die Roma als Saisonarbeiter in der Landwirtschaft sowie als Straßenhändler, Schrotthändler und Schuhputzer tätig. Insgesamt 750.000 Roma leben in der Türkei, die meisten davon in Istanbul sowie in Edirne und Umgebung. Schon seit Herbst vergangenen Jahres war es in der Westtürkei zu einer Reihe von pogromähnlichen Ausschreitungen gegen Kurden gekommen, nachdem die Regierung proklamiert hatte, sich der kurdischen Frage gegenüber öffnen zu wollen. Mitte dieser Woche nun mußte die Polizei in Mersin kurdische Schüler nach Angriffen Hunderter türkischer Nationalisten nach Hause eskortieren. In Edirne kam es in den vergangenen Tagen zudem zu faschistischen Lynchattacken gegen kommunistische Jugendlichen, die Flugblätter verteilten.


Aus: Junge Welt, 9. Januar 2010

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Foto: Türkisch-griechischer Grenzübergang, von der Website Confini Amministrativi- Riigipiirid



Freitag, 8. Januar 2010

Angels don't leave, but demons do



Kurz, knapp und exklusiv, was diese Woche in der Welt geschehen und für den Rest des Jahres zu erwarten ist:


Die kleinen Drahtigen tauen schnell auf

(Hannover, Niedersachsen, Deutschland) Lady Margot, eine verdammt fitte Frau im besten Alter, hatte eine ziemlich ausgefüllte Woche. Am Dienstag machte sie Gehirnmuskel-Training bei ihrem Personal-Trainer, dem Prof. Dr. Nonnenmacher, die restliche Zeit war Kung Fu mit Tochter Esther (19) angesagt. Denn schon an diesem Montag soll es ernst werden, da geht Madame in den erotischen Nahkampf mit dem jungen Guttenberg. Nicht ganz unbewaffnet natürlich. Welche Bataillone und Batterien Frau Margot da genau in die Schlacht führen wird, soll hier noch nicht verraten werden. Es ist jedenfalls Ehrensache, daß der Jungspund am Ende flachliegt.


Die wilden Rassigen … schnauf, schnauf !

(Frankfurt am Main, Hessen, Deutschland) Erst recht ist Lady Erika eine fitte Frau im allerbesten Alter. Sie hat's eigentlich nicht nötig, die Jeanne d'Arc zu spielen, aber trotzdem ging sie am Montag mit ihrer Mannschaft mal wieder auf verwegene Jagd in den tiefverschneiten Sachsenhäuser Wald. Es waren dort verschärfte Dressurritte und andere diabolische Übungen zu absolvieren. Na ja, es kam, wie es kommen mußte: Kronprinz Reinhard machte schon nach zwei Kilometern schlapp, und Fürstbischof Berthold kriegte dann bei der anschließenden Hasenjagd auf freiem Feld urplötzlich das Muffensausen. Jetzt wird die stramme Freifrau ihre Wehrsportgruppe wohl erstmal mit streng geheimen Strafexerzitien wieder auf Vordermann bringen müssen. Mal sehen, wer dann die elegantesten Kniebeugen macht.


Danke, Doktor !

(Huntsville, Texas, USA) Die Vereinigten Staaten haben den 75. Geburtstag ihres vielleicht größten International-Heiligen, des Jailhouse-Rockers Elvis Aaron Presley, dieses Jahr sehr stilgerecht begangen. Am Vortag, es war der Donnerstag, wurden zu diesem Anlaß in drei Bundesstaaten die ersten Hinrichtungen des noch taufrischen Jahres vollzogen. Das erste Menschenopfer war der 37-jährige Abdullah Sharif Kaazim Mahdi (geborener Vernon Smith), ein konvertierter Muslim. Er starb im Gefängnis von Lucasville in Ohio. Nur Stunden später wurden dann zwei weitere Frischlinge dargebracht: in Huntsville (Texas) starb der 51-jährige Kenneth Mosley, in Angola (Louisiana) der 47 Jahre alte Gerald Bordelon. Als liturgisches Altargerät kam, wie es bei solchen Zeremonien seit langem schon guter Brauch ist, die Giftspritze zum Einsatz. Wenn die Grande Nation in diesem Tempo weiter macht, dann werden 2010 wohl dreimal mehr Opferlämmer benötigt werden als im Vorjahr. 2009 starben insgesamt 52 auf des seltsamen Doktors Gabentisch. Aber das ist in God's own country kein Problem, die halbe Population steckt dort im Knast, die Pipeline ist also lang und prall gefüllt !


"Amoklauf" bei ABB

(St. Louis, Missouri, USA) Ebenfalls am Donnerstag erschoß laut Medienberichten auf einem Fabrikgelände des schweizerischen ABB-Konzerns in den USA ein ehemaliger Mitarbeiter mit einem Sturmgewehr drei Menschen. Nach einer stundenlangen Suche auf dem weiträumigen Gelände des ABB-Transformatoren-Werks in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri fand die Polizei dann den Schützen angeblich tot auf. Wer's glaubt wird heilig ! Der Mann soll laut Berichten jedenfalls einer von vier Klägern gewesen sein, die ABB mit einer Sammelklage im Zusammenhang mit Pensionsfragen am Wickel haben. Der "Hessische Rundfunk" und die "Frankfurter Rundschau" unterließen bei ihrer ersten Meldung der Story bedauerlicherweise den Hinweis, daß ABB ein höchst dubioser helvetischer Energie- und Automationstechnik-Konzern ist und schon seit Jahren jede Menge Dreck am Stecken hat. Oder das Ganze hat einen Hintersinn ...


Die Enkel fechten’s besser aus

(Rosarno, Kalabrien, Italien) Im südlichen Bella Italia geht es dafür seit Donnerstagabend rund: Nachdem dort in Rosarna aus einem fahrenden Auto auf afrikanische Wander- und Erntearbeiter geschossen wurde, die auf dem Nachhauseweg waren, gingen die Afrikaner beherzt in die Gegenoffensive. Rund 200 Senegalesen, Kongolesen, Marokkaner, Ägypter und andere Landsleute zogen nachts durch die 15.000-Einwohner-Stadt, zündeten Autos an und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei, wie die Wiener Tageszeitung "Die Presse" berichtete. Mindestens 20 Menschen wurden den Angaben zufolge verletzt. Auch am Freitag gingen die Proteste weiter, und in dem Ort herrschte weiterhin der Ausnahmezustand. Viele Bewohner trauten sich nicht mehr aus dem Haus, Geschäfte und Schulen blieben geschlossen, während Hunderte von aufgebrachten Demonstranten vor dem Rathaus ein Gespräch mit dem Präfekten verlangten. Nach Angaben der französischen Nachrichtenagentur AFP demonstrierten rund 2.000 Einwanderer mit einer Sitzblockade im Zentrum der Stadt. Hat das etwa das Zeug zu einem Spartakus-Aufstand? Na ja, es fehlt da wohl erstmal der Spartakus himself. Aber da ja auch Elvis, der "King of Rock ’n’ Roll", seit Jahren weltweit regelmäßig aus seinem Jenseits-Schlupfwinkel wieder auftaucht, ist es nicht ausgeschlossen, daß auch "der famoseste Kerl, den die ganze antike Geschichte aufzuweisen hat" (Karl Marx, MEW 30, 160), in seiner Wahlheimat mal wieder gesichtet wird. Zumal der gebürtige Thraker im Mai oder Juni des Jahres 71 v. Chr. – so ähnlich wie Petrus, Paulus oder Osama – während der Schlacht am Fluß Silarius/Silarus in Apulien spurenlos verschwunden ist. Sein Leichnam wurde nicht gefunden ('Aππιανòς 'Aλεξανδρεύς / Appianos von Alexandria. Romaiká, I, 120, 559). Apulien ist die unmittelbare Nachbar-Region von Kalabrien. Mehr über diesen interessanten Mann bei Antonio Guarino (Spartaco. Analisi di un mito, Liguori Editore, Neapel 1979; dt. bei dtv) und Michael Genner (Spartakus. Eine Gegengeschichte des Altertums nach den Legenden der Zigeuner, 2 Bde, Trikont Verlag, München 1979 /1980).

DPA-Foto: Margot Käßmann, die Landesbischöfin von Hannover und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Donnerstag, 7. Januar 2010

Aufstand im Irrenhaus



Ein Song aus dem Jahr 1968 – elf Wochen stand er in Großbritannien und neun Wochen in Westdeutschland in den Single-Charts. Auf den Inseln kam der Titel dabei bis auf Platz 8, auf dem Festland erreichte er Platz 7. Man vermißt das Lied in der etwas lieblos gemachten "Süddeutsche Zeitung Discothek - 1000 Songs - 1955-2004", aber wahrscheinlich hat man ja die Rechte dafür nicht bekommen …

Vergessen wir auch nicht das große Vorbild Elvis Presley, der vielleicht eine Inspirationsquelle für Manfred Mann und den Komponisten John Simon war. Am morgigen Freitag jährt sich the magician's birthday, es ist das 75. Wiegenfest des Jailhouse Rocker. Alain Posener hat ihm in der "Welt" eine wundervolle Hommage geschrieben.


Mittwoch, 6. Januar 2010

Loretta Napoleoni, Master of Philosophy in Terrorism

Das sind ja ziemlich steile Thesen, die insgesamt zunächst auch recht plausibel klingen.

Sie dürften die Zuhörerschaft dieser Oxforder TED-Konferenz (die Abkürzung steht für Technology, Entertainment & Design) aber wohl etwas ratlos zurückgelassen haben.

Soll man nun auch Terrorist werden und mit einem waffentechnologisch bepackten Segelboot durch's Mittelmeer schippern ?

Das scheint ja durchaus amüsant zu sein.

Ich stelle mir hier freilich auch noch einige Vorfragen.

Ich frage mich z. B. bei 9:52 folgende, ob die Dame nicht die Zahlen zum britischen Bruttoinlandsprodukt (Gross Domestic Product, GDP) durcheinanderbringt. Sie beziffert, wenn ich recht verstanden habe, die weltweite Schattenökonomie ("rogue economy") vor dem 11. September 2001 auf jährlich 1,5 Billionen US-Dollar und sagt, das sei das Zweifache des britischen GDP. Das britische GDP lag jedoch 1998 bei 1,357 Billionen USD (Quelle: Fischer Weltalmanach 2001, Seite 325) und 2008 bei 2,680 Billionen USD bzw. kaufkraftbereinigt bei 2,228 Billionen USD (Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/United_Kingdom).

Also irgendetwas kann hier nicht stimmen.

Das deutschsprachige Pendant zu Frau Napoleoni ist – wenn auch weit weniger lebensprall und kurzweilig – der in Österreich lehrende Ökonomie-Professor Friedrich Schneider (Linz), der als Experte für Schattenwirtschaft gilt und auch schon mit Berechnungen zum Finanzvermögen und Jahresbudget von Al-Qaida für Furore sorgte. Bohrt man dann aber bei ihm persönlich etwas genauer nach -- ich hab’ das Ende 2002/Anfang 2003 mal versucht --, und fragt ihn, wie er eigentlich auf diese ganzen Zahlen kommt, dann wird er plötzlich sehr einsilbig und murmelt etwas von "eigenen Berechnungen".

Inzwischen hat Schneider zwar sein Opus Magnum zur Terror-Ökonomie vorgelegt und offenbar auch seine Berechnungsgrundlagen präzisiert (siehe seine Inanspruchnahme bei der deutschen Mehrwert-Steuer-Debatte), doch der hier erwähnte Bargeldansatz ist z. B. auf das sogenannte Hawala-Banking nicht anwendbar, weil hier normalerweise zwischen den zentralen Transaktionspartnern überhaupt kein Bargeld zirkuliert, sondern nur Forderungen und Schulden (in Bezug auf gegenseitige Warenlieferungen, Dienstleistungen oder Schmuck, Gold und andere Wertgegenstände) miteinander verrechnet werden.

Ganz grundsätzlich scheinen mir diese Oxforder TED-Konferenzen übrigens etwas darunter zu leiden, daß die meisten Referenten einen gewissen Hang zur Dampfplauderei haben.

Aber genau deswegen werden sie ja offenbar rekrutiert, das ist ja wohl die règle du jeu bei solchen power speeches, deren Ziel - um mit Horaz zu sprechen - wohl eher die Unterhaltung des Publikums (delectare) denn der Nutzwert für die Zuhörer (prodesse) sein dürfte, um von Wissenschaft und Wahrheit ganz zu schweigen.

Was schließlich die Firma betrifft, die Frau Napoleoni verkauft haben will, um ihre Terrorismus-Studien zu finanzieren (6:00 folgende), so kann ich dazu in dem ihr gewidmeten Wikipedia-Artikel und auf ihrer Website nichts finden. (Oder bezieht sich diese Bemerkung auf die Firma G Risk, die sie auf ihrer Website erwähnt und als deren "Senior Partner" sie noch fungiert ?)

Sehr beachtenswert dürften allerdings die Bemerkungen von Frau Napoleoni zum "state-sponsored terrorism" sein.

Hier wäre noch folgendes Faktum zu erwähnen, das meines Erachtens für die aktuelle Situation entscheident ist:

Die USA haben seit Anfang der 1980er Jahre in Afghanistan die islamistische Guerilla gegen die Sowjetunion finanziert, ein überaus erfolgreiches Unternehmen, das wohl letzlich der UdSSR den Todesstoß versetzt hat.

Die nicht bedachte Neben- und Spätfolge dieser Investition waren allerdings Al-Qaida und die Taliban, denn die Gotteskrieger in Afghanistan, Pakistan und im Rest der islamischen Welt fanden Geschmack an der Sache und sagten sich dann nach 1989/1991: Na, wenn wir die Russen in die Knie zwingen können, dann schaffen wir das vielleicht auch mit den Amerikanern.

Et voilà.

Mal sehen, wie das ausgeht.

À lire:

Loretta Napoleoni, Die Zuhälter der Globalisierung. Über Oligarchen, Hedge Fonds, 'Ndrangheta, Drogenkartelle und andere parasitäre Systeme, aus dem Englischen von Heike Schlatterer und Ursel Schäfer, Riemann Verlag, München 2008, 382 Seiten (Originaltitel: Rogue Economics)

Loretta Napoleoni, Die Ökonomie des Terrors. Auf der Spur der Dollars hinter dem Terrorismus, aus dem Englischen von Sonja Schuhmacher, Kunstmann Verlag, München 2004, 445 Seiten; auch erschienen bei Büchergilde Gutenberg, 2004, und Zweitausendeins, 2005, beide Frankfurt am Main (Originaltitel: Modern Jihad)

Musica:

Uriah Heep, "Sweet Lorraine", PinkPop Festival, Landgraaf, Niederlande, 1976

Kouriah-Soup, "Sweet Lorraine", Uriah Heep Festival, Tokio, Japan, 11. August 2007

Uriah Heep, "Sweet Lorraine", Original Vinyl Version, "The Magician's Birthday", 1972

Dienstag, 5. Januar 2010

Weshalb Geheimdienste gerne halbe Arbeit machen oder selber Feuer legen


"Dies ist das Thema der lehrreichen Fabel vom Löwen, der Maus und der Katze (Hitopadesha, Buch II, Kapitel 4).

Eine elende Katze, die von den Dörflern verstoßen, dem Hungertod nahe, mager und entkräftet durch die Felder strich, traf einen Löwen, und dieser half ihr aus der Not. Das königliche Tier lud das bejammernswerte Geschöpf in seine Höhle ein und teilte mit ihm die Reste seines majestätischen Mahles. Aber diese Einladung entsprach keineswegs der Nächstenliebe oder einem Zusammengehörigkeits-Gefühl. Der Löwe fühlte sich nämlich in seiner Höhle von einer Maus belästigt, die dort irgendwo ihr Loch hatte; wenn er sein Schläfchen machte, kam die Maus hervor und knabberte an seiner Mähne. Der mächtige Löwe vermag keine Mäuse zu fangen, die zierliche Katze aber kann es. Deshalb war hier die Grundlage für eine gesunde und vielleicht nützliche Freundschaft gegeben.

Die bloße Gegenwart der Katze in der Höhle genügte, die Maus in Schach zu halten, und so konnte der Löwe friedlich sein Nickerchen machen. Nicht einmal das Piepsen des kleinen Störenfrieds ließ sich vernehmen, denn die Katze lag ständig auf der Lauer. Der Löwe lohnte es ihr mit üppigen Gerichten, und der tüchtige Minister wurde fett. Eines Tages nun aber gab die Maus doch einen Laut von sich, und die Katze beging den elementaren Fehler, sie zu fangen und zu fressen. Die Maus verschwand, aber auch die Gunst des Löwen. Der Katzengesellschaft bereits überdrüssig, schickte der undankbare König der Tiere seinen tüchtigen Beamten zurück auf die Felder und in den Dschungel, wo er dem Hungertode wieder ausgesetzt war.

Die Lehre läßt sich in der Maxime zusammenfassen: „Tue deine Arbeit, aber laß immer etwas zu tun übrig. Durch den Rest wirst du unentbehrlich bleiben“.

Hier liegt eines von den vielen Geheimnissen der Geheimpolizei aller Länder - eines jener sinnreichen Geheimnisse, über die man nicht spricht."

= Heinrich Zimmer, Philosophie und Religion Indiens, posthum hrsg. von Joseph Campbell, übers. u. hrsg. v. Lucy Heyer-Grote, Rhein Verlag, Zürich 1961 (oder Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1973), Zweiter Teil, Kap. I, 4 (Die Funktion des Verrats), Seite 108

Originalausgabe: Heinrich Zimmer, Philosophies of India, ed. by Joseph Campbell, Bollingen Foundation Inc., New York 1951, Second Part, Chap. I, 4.


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Das Hitopadesha („Guter Rat“) ist einer der meistgelesenen Sanskrit-Texte Indiens. Es handelt sich um eine Sammlung von Tierfabeln, die vor rund zehn Jahrhunderten erstellt beziehungsweise komponiert sein soll. Die exakte Datierung und genaue Identität des angeblichen Verfassers Narayana Pandit scheinen allerdings schwer faßbar; er schöpft jedenfalls aus der älteren Sammlung Panchatantra (2. Jh. vor Chr. - 3. Jh. nach Chr.), der Mutter aller Tierfabel-Sammlungen. Das Hitopadesha soll nach der Bhagavadgītā, dem „hinduistischen Neuen Testament“ (das Alte Testament wäre dann der Rigveda, beide Vergleiche hinken natürlich, vor allem der zweite), das meistverkaufte Buch Indiens sein. Eine deutsche Teilübersetzung, herausgegeben von G. L. Chandiramani und illustriert von U. Dorfmüller, erschien als Kinderbuch in mehreren Bänden; im ersten Band ist auch unsere Tierfabel enthalten (Cover oben abgebildet).


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English Online Version: Hitopadesha, Book II (The Parting of Friends), Story 4 (The Cat Who Served the Lion)

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Musica: Focus, "La Cathédrale de Strasbourg" (from the album "Hamburger Concerto", 1974)