Donnerstag, 28. Januar 2010

2500 Weltlenker und ein Todesfall


Genausoviel Medienlärm wie Steve Jobs neuestes Spielzeug oder diverse Londoner Antiterror- und Kriegs-Konferenzen macht derzeit nur das jährliche Mega-Bilderberg im schweizerischen Davos, jenes Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum, WEF) von tausend führenden (kapitalistischen oder staatskapitalistischen) Großkonzernen, das am Flughafen Zürich denn auch für tausend zusätzliche Flugbewegungen sorgt und zu dem sich zur Stunde rund 2500 Staatschefs, Wirtschaftskapitäne und sonstige VIPs in dem Alpen-Kurort versammelt haben, darunter auch der Große Vorsitzende und Forumschef Klaus Schwab, welcher der tief verschneiten, stacheldrahtumzäunten Versammlung gleich am Mittwoch mit einer markigen Eröffnungsbotschaft einheizte, die in den Worten gipfelte:

„Das Jahr 2010 markiert somit einen Wendepunkt in der Weltgeschichte. Zur Bewältigung unserer zukünftigen Herausforderungen müssen wir vor allem unser Wertesystem überdenken, unsere Strukturen umgestalten und unsere Institutionen umbauen.“

Realisten, Revolutionäre oder Pessimisten werden sagen: Nun, das ist doch nur wieder der übliche Change Management-Verbalklimbim putativer Masters of the Universe, irgendwie kennt man das ja schon zur Genüge. Auf was erzkapitalistische Weltlenker eben so kommen, zwischen Get-together am Stehtischchen, Keynote-speech im Konferenzsaal und Après-ski auf der Blümlisalp. Alles, was diese Herren und (sehr wenigen) Damen da oben ausmauscheln werden, ist ja bestenfalls, wie sie möglichst schnell Obamas Bankenplan ein Bein stellen, beziehungsweise, falls das nicht gelingen sollte, ihre Hedge-Fonds, Schwarzen Kassen und Glücksspiele doch wieder irgendwie mit dem Mehrwert der Lohnarbeiterklasse, unbezahlter Schwarzarbeit oder Staatsgeldern finanzieren oder absichern können.

Idealisten, Reformisten oder Optimisten könnten allerdings versucht sein, das Ganze etwas barmherziger zu beurteilen, um für den Augenblick eines Gedankenexperiments zunächst mal zu fragen: Was muß da eigentlich in den letzten ein, zwei Jahren geschehen sein (und wohin könnte das führen), wenn diese Leute nun ihre Werte, Strukturen und Institutionen – also so gut wie alles – wirklich mal überdenken wollten ? Vielleicht stünde am Ende dieses Reflexionsprozesses, durchgeführt im Weltinnenraum des Kapitals, dann ja tatsächlich Rilkes Einsicht: Du mußt dein Leben ändern ! Vielleicht allerdings auch nur wieder die Mehr-netto-vom-brutto-Philosophie Westerwelles und Sloterdijks, das heißt das ultraliberale Projekt, Steuern ab sofort – wie Schmiergelder, Ausstiegsprämien und andere gute Gaben – nur noch nach Gutdünken zu zahlen …

Dem Sicherheitschef und Türhüter der fünftägigen Mammut-Veranstaltung, dem Graubündner Polizeikommandanten Markus Reinhardt (61), wurde das alles freilich schon am Tag vor der Eröffnung des Gipfeltreffens zuviel. Man hat den Mann am Dienstag tot in seinem Davoser Hotelzimmer aufgefunden. Offiziellen Angaben zufolge war es Selbstmord. Und zwar soll Reinhardt ein spezielles persönlich-dienstliches Problem gehabt haben, kein kleines akustisches mit dem Englischen (wie Günther Oettinger), sondern ein großes psychosomatisches mit dem Alkohol. Angeblich war er vor einigen Tagen alkoholisiert in der WEF-Einsatzzentrale erschienen, seine Vorgesetzte, die Graubündner Justizrätin Steiner, hatte mit ihm am Dienstagmorgen – nicht das erste Mal - darüber sprechen wollen. Möglicherweise stand sie kurz davor, ihn des Amtes zu entheben. Dazu kam es aber nicht mehr, weil Reinhardt zwischen 6.30 und 7.45 Uhr seinem Leben mit der Dienstwaffe ein Ende setzte – ein recht makabrer Auftakt für einen Weltwirtschaftsgipfel.

Ungebrochene Gipfelfreude, Risikoappetit und jede Menge Präsenz in der Fläche zeigt hingegen weiterhin, trotz großer Probleme im Amt, im Haus und am Hindukusch, der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Er werde – neben Außenminister Westerwelle und Wirtschaftsminister Brüderle – "zu Ende der Tagung" in Davos auch mal "kurz vorbeischauen", berichtete die FAZ (27. 1. 2010, S.14). Man fragt sich, was eigentlich ein deutscher Verteidigungsminister in diesem weltkapitalistischen Schneetreiben zu suchen hat. Ein Waffendeal ? Ein Höflichkeitsbesuch bei den Buddies vom militärisch-industriellen Komplex ? Oder will der Mann einfach nur auf möglichst jeder Party dabeisein ? Na ja, jedenfalls will er mit dem Schweizer Verteidigungsminister Ueli Maurer, dessen Armee übrigens bankrott sein soll, zu einem "informellen Gespräch" zusammentreffen. Maurer hatte ursprünglich auch einen Besuch bei der Einsatzzentrale des Kommandanten Reinhardt angekündigt. Diese Visite wird nun nach Reinhardts Suizid wohl zum Kondolenzbesuch oder fällt gleich ganz in den Schnee. In diesem Fall hätten Maurer und Guttenberg dann doppelt so viel Zeit, mit oder ohne Alkohol über unser aller Lieblingsthema zu debattieren: Das Leben vor, in und nach der Krise …

Foto: Dr. Markus Reinhardt, Polizeikommandant des Kantons Graubünden, Schweiz /suedostschweiz.ch

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