Sonntag, 24. Januar 2010

Unfrisierte Depeschen einer Woche


Nachrichtlich gesehen, und das lag sicher nicht nur am Wetter, war das eine Woche seltsamer Terrordrohungen, Gewinnwarnungen und Ausbruchsversuche aus der Krise. Am zeitigsten dran war der politisch angeschlagene hessische Ministerpräsident, der rasende Roland aus Wiesbaden, der zum Montagsekundiert von einem Fachblatt für gezielte Falschmeldungen, hier eine Richtigstellung - in der etwas seriöseren Fachpostille "Wirtschaftswoche" jenen Brandsatz zu Protokoll gab, der Sozialhilfeempfänger mit einem faschistoiden Zwangsarbeitsdienst bedroht. Als ob die Agenda 2010, größtenteils erfunden von einem inzwischen verurteilten Wirtschaftskriminellen, in den letzten Jahren nicht schon genug ökonomischen Terror auf dem Arbeitsmarkt veranstaltet hätte ! So nahmen die Dinge ihren Lauf: Gleich am Dienstag meldeten sich in einem sächsischen Einkaufszentrum in Bad Düben und in einer Grundschule in Haste (bei Hamburg) die ersten Nachahmungstäter in Kochs Fußstapfen (während aus der JVA Münster zwei Gefangene, darunter ein Abschiebehäftling, ausbrachen), woraufhin dann am Mittwoch am Flughafen in München Mensch und Technik einen "doppelten Fehlalarm" (FTD) inszenierten, der ganz hübsch Aufregung verursachte, jetzt aber immerhin brutalstmöglich aufgeklärt ist.

Richtig zur Sache ging's aber erst am Donnerstag, zunächst gab es zwei Bombendrohungen in Kiel (die erste am Morgen, die zweite am Abend), dann verhaftete man auf dem Flughafen Philadelphia einen vermeintlichen Selbstmordattentäter (er entpuppte sich als frommer Jude, der mit ledernen Gebetsriemen, die Fluggäste für einen Sprengstoffgürtel gehalten hatten, sein Morgengebet verrichten wollte), und schließlich trat in Washington US-Präsident Obama vor die Presse und hielt eine Rede, die nicht nur an der Wall Street (und in einigen anderen Spielcasinos) einschlug wie eine Bombe.

Am Freitag kam’s dann noch dicker: Da explodierte in der Kreisausländerbehörde von Göttingen ein kleiner Sprengsatz, in Zossen bei Berlin wurde in der Nacht zum Samstag das "Haus der Demokratie" niedergebrannt, in Wiesbaden erhielt der rasende Roland, der sich nun auch im Fachblatt der gelegentlich klugen Köpfe brandstifterisch betätigen durfte, eine Bombenattrappe (mit angehängter Verlustwarnung für seine Besitztümer) zugesandt, in Graben-Neudorff (bei Karlsruhe) versuchte ein 57-Jähriger eine Bank mit einer Terrordrohung zu erpressen (woraufhin drei Grundschulen und ein Kindergarten geräumt wurden), in Zossen bei Berlin wurde das "Haus der Demokratie" niedergebrannt und am Airport Köln-Bonn legte ein liebeskranker 50-Jähriger in gleicher Weise drei Stunden lang einen Passagier-Jet lahm, während ein türkisches Passagierflugzeug, dessen Pilot auf dem Örtchen eine seltsame Spiegelschrift entdeckt hatte, seinen Flieger in Thessaloniki notlandete, was nun offenbar auch die Geheimdienste von Großbritannien und Indien zu Terrorwarnungen veranlaßte.

Am Samstag blieb es vergleichsweise ruhig, aber da bereitete der Fernhintreffer aus Waziristan, der Erzterrorist Osama bin Laden, in seinem Höhlenversteck wohl schon seine neueste Terror-Audio-Botschaft vor, die dann am Sonntag bei Al-Jazeera in Katar auf Sendung ging, während es im Nordosten des Iran, auf dem Flughafen von Mesched, einen Flugzeug-Crash mit 55 Verletzten gab: Ein Pilot hatte hier laut iranischen Agenturberichten seine Maschine wegen eines kranken Passagiers an Bord trotz Schlechtwetter bruch- und notgelandet. Na ja, krankheitsbedingte Notlandungen sind ja nichts Ungewöhnliches. Vielleicht war dieser persische Patient ja aber auch nur wieder ein Frommer oder Liebeskranker, der mit Gebetsriemen oder ähnlichem Beiwerk hantiert hatte …



Kommentare:

  1. Zu Lafontaine möchte ich sagen, dass ich seine Entscheidung für richtig erachte. Man muss auch als Politiker auf seine Gesundheit achten, die nun sehr angeschlagen ist bei Oskar Lafontaine. Vielleicht wird auch tatsächlich die Koalition zwischen rot-rot-grün erleichtert. Da Lafontaine diese wohl eher verhindern wollte. Man sprach nicht zu Recht von einer Art Hass auf die SPD seitens Lafontaines.

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  2. Matthias Lovenberg25/1/10

    @Melanie

    Um die wahrscheinlich sehr komplexe Lafontaine-Geschichte genauer zu analysieren, kenne ich die internen Verhältnisse bei der Partei "Die Linke" zu wenig. Deshalb hierzu nur zwei, drei Sätze: Lafontaine hat zweifellos große Verdienste, nicht zuletzt darum, daß es bei der Bundestagswahl 2005 zu einer faktischen Rot-rot-grün-Mehrheit (51,0 Prozent der Zweitstimmen), also zu einem Linksruck kam. Daß diese Mehrheit damals nicht in eine entsprechende Koalition umgesetzt werden konnte, lag bei weitem nicht nur (und wahrscheinlich sogar am wenigsten) an ihm.

    Leider war Lafontaine aber nicht nur ein rotes Tuch für die SPD, sondern bot aufgrund etlicher dubioser Äußerungen und Stellungnahmen früherer Jahre auch Angriffsflächen nach links (hin zur außerparlamentarischen Links-Opposition). Das zeigte sich etwa auf der "Wir zahlen nicht für Eure Krise"-Demo am 28. März 2009 in Frankfurt am Main, bei der Lafontaine ausgepfiffen und mit Eiern beschmissen wurde.

    Schließlich noch eine Überlegung zu einer eventuellen zukünftigen Rot-rot-grün-Koalition. Voraussetzung dafür wäre erstens, daß sich in der Führungsspitze der Grünen die Linken gegen die Realos durchsetzen. Zweitens, daß sich die SPD an Haupt und Gliedern reformiert und wieder eine sozialdemokratische Partei wird. Andernfalls ist so eine Koalition weitgehend für die Katz'. Die SPD müßte es zunächst mal schaffen, Leute wie etwa den Volksverhetzer Sarrazin oder Kapitalistenknecht Florian Gerster rauszuschmeißen und vor allem sich eine Führungsspitze zu geben, die wirklich mit der Agenda 2010 und der neoliberalen Schröder-Linie gebrochen hat. Im Moment sind ja immer noch Schröderianer wie Steinmeier oder Gabriel am Ruder. Mit Andrea Ypsilanti, die ja immerhin die Rücknahme der Studiengebühren in Hessen erreicht hat, und vielleicht selbst mit Platzeck oder Beck war die SPD hier schon mal weiter. Bevor hier nicht was passiert, scheint mir eine rot-rot-grüne Koalition wenig aussichtsreich.

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