Mittwoch, 6. Januar 2010

Loretta Napoleoni, Master of Philosophy in Terrorism

Das sind ja ziemlich steile Thesen, die insgesamt zunächst auch recht plausibel klingen.

Sie dürften die Zuhörerschaft dieser Oxforder TED-Konferenz (die Abkürzung steht für Technology, Entertainment & Design) aber wohl etwas ratlos zurückgelassen haben.

Soll man nun auch Terrorist werden und mit einem waffentechnologisch bepackten Segelboot durch's Mittelmeer schippern ?

Das scheint ja durchaus amüsant zu sein.

Ich stelle mir hier freilich auch noch einige Vorfragen.

Ich frage mich z. B. bei 9:52 folgende, ob die Dame nicht die Zahlen zum britischen Bruttoinlandsprodukt (Gross Domestic Product, GDP) durcheinanderbringt. Sie beziffert, wenn ich recht verstanden habe, die weltweite Schattenökonomie ("rogue economy") vor dem 11. September 2001 auf jährlich 1,5 Billionen US-Dollar und sagt, das sei das Zweifache des britischen GDP. Das britische GDP lag jedoch 1998 bei 1,357 Billionen USD (Quelle: Fischer Weltalmanach 2001, Seite 325) und 2008 bei 2,680 Billionen USD bzw. kaufkraftbereinigt bei 2,228 Billionen USD (Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/United_Kingdom).

Also irgendetwas kann hier nicht stimmen.

Das deutschsprachige Pendant zu Frau Napoleoni ist – wenn auch weit weniger lebensprall und kurzweilig – der in Österreich lehrende Ökonomie-Professor Friedrich Schneider (Linz), der als Experte für Schattenwirtschaft gilt und auch schon mit Berechnungen zum Finanzvermögen und Jahresbudget von Al-Qaida für Furore sorgte. Bohrt man dann aber bei ihm persönlich etwas genauer nach -- ich hab’ das Ende 2002/Anfang 2003 mal versucht --, und fragt ihn, wie er eigentlich auf diese ganzen Zahlen kommt, dann wird er plötzlich sehr einsilbig und murmelt etwas von "eigenen Berechnungen".

Inzwischen hat Schneider zwar sein Opus Magnum zur Terror-Ökonomie vorgelegt und offenbar auch seine Berechnungsgrundlagen präzisiert (siehe seine Inanspruchnahme bei der deutschen Mehrwert-Steuer-Debatte), doch der hier erwähnte Bargeldansatz ist z. B. auf das sogenannte Hawala-Banking nicht anwendbar, weil hier normalerweise zwischen den zentralen Transaktionspartnern überhaupt kein Bargeld zirkuliert, sondern nur Forderungen und Schulden (in Bezug auf gegenseitige Warenlieferungen, Dienstleistungen oder Schmuck, Gold und andere Wertgegenstände) miteinander verrechnet werden.

Ganz grundsätzlich scheinen mir diese Oxforder TED-Konferenzen übrigens etwas darunter zu leiden, daß die meisten Referenten einen gewissen Hang zur Dampfplauderei haben.

Aber genau deswegen werden sie ja offenbar rekrutiert, das ist ja wohl die règle du jeu bei solchen power speeches, deren Ziel - um mit Horaz zu sprechen - wohl eher die Unterhaltung des Publikums (delectare) denn der Nutzwert für die Zuhörer (prodesse) sein dürfte, um von Wissenschaft und Wahrheit ganz zu schweigen.

Was schließlich die Firma betrifft, die Frau Napoleoni verkauft haben will, um ihre Terrorismus-Studien zu finanzieren (6:00 folgende), so kann ich dazu in dem ihr gewidmeten Wikipedia-Artikel und auf ihrer Website nichts finden. (Oder bezieht sich diese Bemerkung auf die Firma G Risk, die sie auf ihrer Website erwähnt und als deren "Senior Partner" sie noch fungiert ?)

Sehr beachtenswert dürften allerdings die Bemerkungen von Frau Napoleoni zum "state-sponsored terrorism" sein.

Hier wäre noch folgendes Faktum zu erwähnen, das meines Erachtens für die aktuelle Situation entscheident ist:

Die USA haben seit Anfang der 1980er Jahre in Afghanistan die islamistische Guerilla gegen die Sowjetunion finanziert, ein überaus erfolgreiches Unternehmen, das wohl letzlich der UdSSR den Todesstoß versetzt hat.

Die nicht bedachte Neben- und Spätfolge dieser Investition waren allerdings Al-Qaida und die Taliban, denn die Gotteskrieger in Afghanistan, Pakistan und im Rest der islamischen Welt fanden Geschmack an der Sache und sagten sich dann nach 1989/1991: Na, wenn wir die Russen in die Knie zwingen können, dann schaffen wir das vielleicht auch mit den Amerikanern.

Et voilà.

Mal sehen, wie das ausgeht.

À lire:

Loretta Napoleoni, Die Zuhälter der Globalisierung. Über Oligarchen, Hedge Fonds, 'Ndrangheta, Drogenkartelle und andere parasitäre Systeme, aus dem Englischen von Heike Schlatterer und Ursel Schäfer, Riemann Verlag, München 2008, 382 Seiten (Originaltitel: Rogue Economics)

Loretta Napoleoni, Die Ökonomie des Terrors. Auf der Spur der Dollars hinter dem Terrorismus, aus dem Englischen von Sonja Schuhmacher, Kunstmann Verlag, München 2004, 445 Seiten; auch erschienen bei Büchergilde Gutenberg, 2004, und Zweitausendeins, 2005, beide Frankfurt am Main (Originaltitel: Modern Jihad)

Musica:

Uriah Heep, "Sweet Lorraine", PinkPop Festival, Landgraaf, Niederlande, 1976

Kouriah-Soup, "Sweet Lorraine", Uriah Heep Festival, Tokio, Japan, 11. August 2007

Uriah Heep, "Sweet Lorraine", Original Vinyl Version, "The Magician's Birthday", 1972

Kommentare:

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